Zwei Quoten mit einer Klappe

Die reichste und „mächtigste Frau der Türkei“ ist in den Aufsichtsrat von Siemens berufen.

2013 ist ein Jahr von zahlreichen Wahlen. Nicht nur die Bundesregierung wird vielleicht neu aufgestellt, sondern auch 72 Aufsichtsräte von den 30 Dax-Unternehmen. in den nächsten 12 Monaten geht es also um eine mögliche Neubesetzung von fast ein Drittel aller Anteilseigener. Die Firmen müssen die Chance nutzen, um besonders viele Frauen in die Kontrollräte rein zu wählen. Denn im November letzten Jahres wurde der Vorschlag von Vivane Reding, EU-Justizkommissarin, eine Quote von mindestens 40 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten bis 2020 zu erreichen, innerhalb der EU-Kommission ratifiziert.

Die Qual der Wahl wurde gestern mit der Hauptversammlung von Siemens eingeläutet. Der 69-jährige Gerhard Cromme musste mit viel Schelte leben, wurde aber dennoch von den Aktionären wieder in das Amt des Chefkontrolleurs des Elektrokonzerns gerufen. Der ehemalige Man Nutzfahrzeuge AG-Chef Hakan Samuelsson und drei weitere Kapitalvertreter verlassen den Aufsichtsrat. An ihrer Stelle rücken die türkische Unternehmerin Güler Sabanci, der Chef des französischen Energieriesen GDF Suez, Gérard Mestrallet, sowie Ex-Bayer -Chef Werner Wenning nach.

Die Nominierung Güler Sabanci ist im Vorfeld schon in vielen Zeitungen besprochen worden. Die 57-Jährige ist eine der erfolgreichsten Frauen in der türkischen (Männer)-Welt. Sie ist alles andere als ein Rollenvorbild alter Schule, sondern verkörpert die typische moderne westliche Erfolgsfrau.

Sabanci Holding ist universell

Seit 2004 leitete Sabanci die Geschäfte der Sabanci Holding, ein Familienbetrieb, welcher die zweitgrößte Unternehmensgruppe in der Türkei darstellt. Als der Firmenchef Sabanci das Zeitliche segnete, machten ihre Brüder sie zu Vorstandschefin des 25-Milliarden-Dollar-Unternehmens. Sie avancierte damit zur ersten türkischen Vorstandschefin einer Konzerngröße dieser Art. Gleichzeitig bedeutete dieser Aufstieg in die Chefetage für Sabanci, dass sie von nun an als Aushängeschild für die mächtigsten Frauen der Welt gilt. Das Magazin „Fortune“ erklärte sie im globalen Ranking zur sechst bedeutendsten Wirtschaftsführerinnen. Bei der „Financial Times“ belegte sie sogar Platz zwei. Kein Wunder, denn bevor sie zu Siemens gerufen worden ist, führte Sabanci innerhalb der Holding Group 70 Unternehmen mit fast 60.000 Beschäftigten und einem Umsatz von etwa elf Milliarden Euro an.

Auch politisch ist die Türkin im eigenen Land sehr aktiv. Sie mischte sich zum Beispiel ein als die konservative Regierung per Bildungsreform gestatten wollte, dass Eltern Mädchen schon nach der vierten Klasse aus der Schule nehmen dürfen. Ihre Protest-Unterstüzung trug dazu bei, dass dieses Recht verhindert wurde.

Sabanci unterstütz vor allem als Chefin ihrer eigenen Stiftung, dass Mädchen und Frauen in vielen Bereichen gezielt gefördert werden. Sie hat einerseits das Interesse an einer Gleichstellung der Geschlechter und andererseits pflegt sie die Tradition ihres Onkels lebendig zu halten. Denn dieser war in der Türkei bekannt dafür im Sinne des Volkes sein Geld einzusetzen und vertrat die Weisheit:  „Man soll das Geld, das man in diesem Land verdient, den Menschen zurückgeben.“

Die Vielfalt macht`s

Mit Güler Sabanci hat Siemens das große Los gezogen, denn fürs Diversity Management in einem Unternehmen kann einem nichts Besseres passieren, als soziale Vielfalt zu fördern. Mit einem gutem Diversity Management werden operationale und strategische Zielsetzungen verbunden. Je einzigartiger und unterschiedlicher die Mitarbeiter eines Konzerns sind, desto anpassungsfähiger wird ein Unternehmen an veränderte Marktbedingungen sein. Sabanci ist eine Frau, eine Ausländerin und kommt aus einer anderen Kultur – doch dies sind sicherlich nicht die Hauptgründe, warum Siemens rief. Vielmehr ist es ihre Reputation, der ihr weit vorauseilt: „Verbindlich“ erscheint die Sabanci-Präsidentin im Geschäftsalltag, aber ebenso „knallhart“, weiß ein bekannter Istanbuler Unternehmer aus eigener Erfahrung: „Sie setzt sich besser durch als die meisten Männer, die ich kenne.“

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