Renate Schmidt: „Leitbild kann nur die Abkehr von der sogenannten Alleinverdiener-Ehe sein“

Ein Interview mit Renate Schmidt rund um Frauenquote sowie die Vereinbarkeit von Kind und Karriere

Familienministerin a.D. Renate Schmidt im Interview mit powerfrauen.netWie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen mit Kindern durch die Quote in Führungsebenen kommen, oder hilft Quote nicht nur wieder den Frauen, die sich sowieso gegen Kinder und für die Karriere entschieden haben?

Renate Schmidt: Ich glaube, wenn es erst eine nennenswerte Zahl von Frauen, egal ob mit Kindern oder ohne, in den Führungsebenen gibt, wird sich diese Frage dann von selbst lösen. Genauso war es in der Politik: In dem Moment, wo Frauen dort die Ausnahme waren, blieben sie das ohne Quote auch. Mit Quote würden es dann immer mehr werden, dann ergibt sich das von selber. Die Quote ist nicht das Allheilmittel, aber es ist ein wichtiger Baustein, um endlich zu mehr Frauen in der Führungsebene zu kommen.

Keine Kinder zu haben, ist also nicht die perfekte Qualifikation?

Renate Schmidt: Nein, daran glaube ich nicht. Denn es gibt ja jetzt schon Beispiele von Frauen, die es mit Kindern auch geschafft haben. Aber die sind leider Gottes noch viel zu selten. Es wird sich von selber ergeben, dass zunehmend mehr Frauen mit Kindern in die Führungsebene hineinkommen und irgendwann wird das kein Kriterium mehr sein.

Wie haben Sie persönlich es geschafft, Kinder und Karriere zu vereinbaren?

Renate Schmidt: In dem ich einen Mann hatte, der mir den Rücken frei gehalten hat.

Und was macht eine Frau, wenn sie den nicht hat?

Renate Schmidt: Wenn man den nicht hat, versucht man gut zu organisieren. Aber  wenn man Kinder hat, gibt es höchst wahrscheinlich auch einen Vater dieser Kinder und den muss man dazu bringen, zu erkennen, dass seine Verantwortung nicht nur die ist, im Beruf seinen Mann zu stehen, sondern auch daheim in der Familie seinen Vater zu stehen.

Also, sie fordern selbstbewussten Umgang im Sinne der Gleichstellung?

Renate Schmidt: Ja, wenn man das zu Hause nicht schafft, wie will man es denn dann im Beruf schaffen?

Arbeitet der Staat nicht eigentlich gegen die berufstätige Frau? Stichwort: Betreuungsgeld, Ehegattensplitting, ungünstige bzw. zu kurze Öffnungszeiten in Kindergärten

Renate Schmidt: Da würde ich jetzt sehr differenzieren. Die staatlichen Ebenen sind sicherlich widersprüchlich. Das hat ja der erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung genauso gezeigt wie jetzt die OECD-Untersuchung. Auf der einen Seite wird davon ausgegangen, es gebe immer noch die Alleinverdiener-Ehe mit maximal zuverdienender Ehefrau und dafür werden Anreize wie Ehegattensplitting, Betreuungsgeld und ähnliches geschaffen. Auf der anderen Seite geht der Staat davon aus, eine Frau ist materiell selbstständig und kann sich also selber versorgen – siehe zum Beispiel Unterhaltsrecht.

Es fehlt also stringente Politik -siehe Unterhaltsrecht, die sich endlich mal endscheidet, was wollen wir denn heute. Und es muss schlicht und einfach festgestellt werden, dieses Leitbild kann nur die Abkehr von der sogenannten Alleinverdiener-Ehe sein. Denn wir reden ja nicht nur von sehr gut verdienenden Menschen, sondern von Durchschnittsfamilien. Und für diese ist die Alleinverdiener-Ehe einfach schon materiell nicht mehr möglich; da muss man gar keine besonders hohen Ansprüche stellen. Es muss endlich eine Abkehr von diesem Leitbild erfolgen und versucht werden, auch materiell Familien so zu behandeln, wie sie heute eigentlich leben wollen bzw. müssen.

Und jetzt zu den Öffnungszeiten von Kindertagesstätten. Also, es geht um Himmels Willen nicht darum, Kinder aus den Erwerbsleben weg zu organisieren, sondern es geht darum, sie zu integrieren. Keinem Kind auf der Welt tut es gut, wenn es früh um 7 Uhr in eine Kindertagesstätte gebracht und am Abend um 19 Uhr abgeholt wird. Das ist nicht kindgemäß. Eltern wollen Zeit mit ihren Kindern verbringen und Kinder brauchen Zeit mit ihren Eltern. Und für dieses Problem sind nicht die Politik oder die Öffnungszeiten von Kindertagesstätten in Kommunen zuständig, sondern für dieses Problem ist die Wirtschaft zuständig. Doch diese hat dabei kläglich versagt. Es gibt zwar heute deutlich mehr familienorientierte Firmen als früher, zum Zeitpunkt meines Amtsantritts waren es nicht einmal 2%. Doch es sind noch lange nicht genug. Heute gibt es vielleicht so um die 15% an Unternehmen, die familienfreundliche Maßnahmen für notwendig erachten und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch Zeit in ausreichendem Maß zur Verfügung stellen. Das muss jedoch besser werden. Denn das bedeutet, 85% der Firmen tun nichts und manche versuchen sich sogar noch den gesetzlichen Regelungen zu entziehen, wie zum Beispiel Elternzeit- oder Teilzeitgesetz. Also, das ist nicht das Problem der Politik, sondern das ist das Problem der Wirtschaft.

Hilft ein staatlicher Überbau nicht dabei, dass die Firmen umdenken?

Renate Schmidt: Nein. Das muss von den Firmen kommen. Der Staat muss keinen Überbau schaffen. Es gibt den Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung, den Anspruch auf Elternzeit, also im Prinzip alles was man sich an gesetzlichen Maßnahmen vorstellen kann. Es gibt sogar Förderung von Firmen, die eigene Kinderkrippen einrichten. Das gibt es alles. Doch die Firmen setzten es nicht um und glauben, das wären alles sozialpolitische Wohltaten, anstatt zu erkennen, dass es auch betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten sind. Ich sage noch einmal: Hier hat die Wirtschaft bisher kläglich versagt.

Nochmal zurück zur Quote. Natürlich gilt dies nicht immer und überall, doch man kann immer wieder beobachten, dass sich in der Wirtschaft und in der Politik meistens nicht die Männer mit den höchsten fachlichen Kompetenzen durchsetzen, sondern die mit der größten Präsenz bzw. die starke mit den Ellenbogen haben. Ist die Frauenquote nicht eigentlich unwirksam, wenn wir nicht Frauen nach Qualifikation einstellen, sondern vielleicht die, die sich am besten solche männlichen Eigenschaften aneignen?

Renate Schmidt: Also, Quote bedeutet ja, dass Frauen bei gleicher Qualifikation über einen gewissen Zeitraum den Vorzug bekommen. Ansonsten ist die Quote ja nicht durchsetzbar. Insoweit wird das nicht mehr das ausschlaggebende Argument sein, wenn sich die Quote erst mal durchsetzt. Ich bin fest davon überzeugt, dass Firmen erkennen werden, dass sie beide Eigenschaften brauchen. Sie brauchen sowohl die Durchsetzungsfähigkeit von Männern, als auch die Kooperationsfähigkeit von Frauen. Sie brauchen also beide Eigenschaften. Frauen sind nicht besser und nicht schlechter als die Männer, Frauen sind an vielen Stellen anders. In der Wirtschaft und in der Politik kommt dann das beste Ergebnis zustande, wenn möglichst viele unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten zusammenwirken. Man nennt es heute in der Wirtschaft Diversity. Diversity bedeutet nichts anderes als dass Belegschaften unterschiedlichen Alters und Geschlechts am erfolgreichsten sind. Mittlerweile gibt es schon eine ganze Reihe von Unternehmen, die das erfolgreich vormachen. Die anderen müssen es nur endlich mal ein bisschen schneller nachmachen.

Welche Eigenschaften haben Sie für ihren Karriereweg schon mitgebracht, die förderlich waren und welche waren eher hinderlich?

Renate Schmidt: Bei mir war förderlich, dass ich eigentlich gar keine Karriere machen wollte, sondern mich danach gerichtet habe, was mich interessiert. Sowohl damals in der Privatwirtschaft in 19 Jahren und dann auch in der Politik 29 Jahre lang: Ich habe niemals mein Augenmerk darauf gerichtet, wie mache ich Karriere, sondern ich habe mein Augenmerk darauf gerichtet, was möchte ich wirklich tun und was interessiert mich. Außerdem habe ich neue Chancen ergriffen. Unterm Strich ist mein sehr bunter Lebensweg ausschlaggebend gewesen. Eine Frau, die dreifache Mutter ist, die aus einem sogenannten angeblichen Männerberuf in der Datenverarbeitung als Systemanalytikerin kommt, die außerdem in der Gewerkschaft aktiv ist, aber trotzdem schon in den Bereich knapp unterhalb der leitenden Angestellten gehört hat -so etwas gab es nicht oft. Das hat vielleicht dazu geführt, dass ich in der Politik schneller als andere Karriere gemacht habe.

Wenn sie sich heutzutage Frauen in den Führungsetagen anschauen, was machen sie richtig, was könnten sie noch besser machen?

Renate Schmidt: Da fehlt mir jetzt wirklich der Überblick. Das was ich bisher über Frauen in der Führungsebene gelesen habe, zeigt: Sie machen nahezu alles richtig. Sie sagen ihren Partnern: Liebe Männer, ihr müsst euch bitteschön auch kümmern was Familie und Hausarbeit betrifft. Das ist nicht meine alleinige Zuständigkeit. Was natürlich auch bedeutet, an bestimmten Stellen loslassen zu können. Sie sind nicht diejenigen, die ständig sagen: Huch ich bin eine Frau und jetzt müsst ihr auf mich Rücksicht nehmen. Sondern sie stehen ihre Frau, genauso wie Männer ihren Mann stehen im Unternehmen. Aber sie fordern auch ihre Rechte ein, wenn es darum geht, für ihre Kinder Zeit zu haben. Und ich glaube, dass ist auch das wichtigste für die Kinder, zu wissen, auch wenn Mutter Karriere macht, sie ist für sie da, wenn sie sie brauchen.

Also, es gibt nichts, was die Führungsfrauen besser machen könnten?

Renate Schmidt: Ich sehe jetzt nicht, dass die Frauen, von denen ich weiß oder die ich persönlich kenne, irgendwas schlecht gemacht hätten. Im Gegenteil ich sehe auch, dass sie sich in den allermeisten Fällen darum kümmern, dass auch andere Frauen nachkommen. Manche von denen, das könnte man vielleicht sagen, haben so das Gefühl, ich habe es doch auch ohne Quote geschafft – sollen es die anderen auch ohne schaffen. Da sollten sie doch mal ein bisschen drüber nachdenken, dass sie an vielen Stellen vielleicht auch Glück gehabt haben und dass andere, die kein so großes Glück haben, die Quote dann auch brauchen, damit es endlich vorwärts geht.

Drei Tipps für eine Frau, die eine Top-Position in der Wirtschaft anstrebt?

Renate Schmidt: Erstens: Sich den richtigen Mann aussuchen für zuhause. Das ist das Allerwichtigste, sonst funktioniert es nicht. Man kann nicht die ganze Zeit immer nur alleine und für den Beruf leben. Zum Zweiten: Nicht zu bescheiden auftreten und zwar gleich dann, wenn man sich vorstellt. Also, das Gehalt fordern, was auch Männer in einer solchen Position fordern würden. Dann das Dritte: Ihr Frausein nur dann herauskehren, wenn es wirklich nützlich ist. Das heißt nicht für einen selbst nützlich, sondern für die Aufgabe, die man gerade in Angriff nimmt.

Und was wäre der größte Karrierekiller?

Renate Schmidt: Mit dem Chef schlafen.

Lachen.

Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch.

Das Gespräch führte Katherine Finger.

Renate Schmidt ist derzeit 69 Jahre alt und amtierte von 1990 bis 1994 als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und war im SPD-Kabinett unter Gerhard Schröder von 2002 bis 2005 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Sie ist Mutter von drei Kindern (das erste Kind kam mit 17 Jahren während des Abiturs) sowie Großmutter von vier Enkelkindern und heiratete 14 Jahre nach dem Tod ihres ersten Mannes 1998 zum zweiten Mal.

© Fredelia AG, www.powerfrauen.net

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