Brigitte Zypries: In Aufsichtsräten „müssen die Stühle für das unterrepräsentierte Geschlecht frei bleiben.“

Interview mit Brigitte Zypries über den zukünftigen Umgang mit der Frauenquote

Nützt eine Frauenquote nicht vorrangig wieder Männern, die sich möglicherweise Alibifrauen in die Aufsichtsräte berufen, die leicht zu manipulieren sind?

Brigitte Zypries: So wird es nicht kommen. Aufsichtsräte werden von den Aktionären und in mitbestimmten Unternehmen auch von der Arbeitnehmern und den Gewerkschaften gewählt. Sie vertreten deren Interessen. Sowohl Aktionäre als auch Arbeitnehmer wollen dafür gestandene Persönlichkeiten gewinnen. An schwachen Figuren hat niemand ein Interesse.

Wie beugt man der potentiellen Entwertung von Frauen vor, da zukünftig jede Aufsichtsrätin als Quotenfrau abgetan werden kann, obgleich sie es aufgrund ihrer Qualifikation ganz nach oben geschafft hat?

Brigitte Zypries: Mit Selbstbewusstsein. Außerdem: Die bestehende Situation entwertet Frauen, und zwar nicht potentiell, sondern tatsächlich. 96 Prozent männliche Vorstände in den – gemessen am Umsatz – TOP 200 der deutschen Unternehmen haben mit angeblich fehlenden Qualifikationen von Frauen nichts zu tun. Hier handelt es sich um eine strukturelle Ungleichbehandlung.

Aber warum ist die Quote dann nur für börsennotierte Aufsichtsräte ausgelegt. Schließlich betrifft das nur wenige 1.000 Mandate. Der Masse der Frauen bringt das zunächst einmal nichts – außer Symbolik.

Brigitte Zypries: Bei börsennotierten Unternehmen sind die Anteilseigner –also die Aktionäre– eher Kapitalanleger und weniger Unternehmer. Der Eingriff in die unternehmerische Freiheit durch die gesetzliche Quote wiegt daher bei diesen Unternehmen weniger schwer als bei mittelständischen Familienbetrieben.  Deshalb wollen wir hier anfangen. Die SPD möchte außerdem die 700 mitbestimmten Unternehmen in Deutschland ab 500 Beschäftigten in die Quotenregelung einbeziehen.  Wir hoffen, das wird ein Selbstläufer für die gesamte Wirtschaft. Dann können wir die gesetzliche Quotenvorgabe irgendwann auch wieder abschaffen.

Unabhängig von der Quote, welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit eine Frau jederzeit in ihrem Lebensweg ein Kind bekommen kann, ohne sich gleichzeitig ihren Karriereweg zu verbauen.

Brigitte Zypries: Erstens dürfen Erziehungszeiten Frauen nicht negativ angerechnet werden; eine stärkere Beteiligung der Männer an diesen Zeiten wäre günstig. Zweitens sollten Unternehmen und Arbeitszeiten familienfreundlich sein. Drittens brauchen wir ausreichende und kinderfreundliche Krippen, Kitas und Ganztagsschulen.

Auf Ihrem Karriereweg bis hin an die Spitze des Justizministeriums: Was haben Sie gebraucht neben Ihrer fachlichen Kompetenz?

Brigitte Zypries: Gestaltungswillen, Kommunikationsfreude, hervorragende Mitarbeiter, Freude an der Arbeit, gesunden Menschenverstand, gute Freundinnen und Freunde und Glück.

Welche Sanktionen sollten Unternehmen drohen, wenn diese sich nicht an die gesetzliche Quote von 40 Prozent bis 2020 halten?

Brigitte Zypries: Diskutiert werden Bußgelder, steuerliche Nachteile oder Beschlussunfähigkeit der quotenwidrig besetzten Gremien. Ich finde aber den SPD-Vorschlag ganz gut: Die Stühle für das unterrepräsentierte Geschlecht müssen frei bleiben. Das ist einfach und klar. Bei mitbestimmten Unternehmen wirkt diese Regelung sogar selbstregulierend. Wenn etwa die Aktionäre es nicht schaffen sollten, ausreichend Frauen zu wählen, hat die vollbesetzte Arbeitnehmerbank  ein entsprechend größeres Gewicht. Wir sind davon überzeugt, dass es keine Seite dazu kommen lassen wird.

Drei Tipps für eine Frau, die eine Top-Position in der Wirtschaft anstrebt?

Brigitte Zypries: Erstens: Angebote für Leitungspositionen annehmen, zweitens: Gutes tun und drittens: darüber reden.

Und was wäre der größte Karrierekiller?

Brigitte Zypries: Ungestörte Männernetzwerke.

Ein großes Dankeschön für das Interview.

Die Fragen stellte Katherine Finger

Brigitte Zypries ist momentan 59 Jahre alt und seit 2009 Justiziarin der SPD-Bundestagsfraktion und war im in dem zweiten Kabinett von Schröder und im ersten Kabinett von Merkel von 2002 bis 2009 Bundesjustizministerin.

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