Deutsche Medizinerinnen fordern eine Frauen-Quote von 40 Prozent

Ein Zusammenschluss von Ärztinnen fordert eine Erhöhung von zehn auf 40 Prozent Frauen in Führungspositionen. Bis 2018 würde das eine Vervierfachung der momentanen Anzahl sein.

Schaut man sich in deutschen Universitäten um, ist das Bild der Medizinstudentin, die sich nur im Hörsaal befindet, um sich ihre Zukunft als Arztgattin zu sichern, längst verblichen. Hingegen sind 60 Prozent aller Absolventen weiblich, doch auch auf dem Weg zum Chefposten können sich nur zehn Prozent durchsetzen. Das soll sich nun bis 2018 schlagartig ändern. Ein Zusammenschluss von Arztinnen möchte eine Frauenquote von 40% innerhalb der nächsten fünf Jahre realisiert wissen. Bis 2023 möchten die Damen sogar die Hälfte aller Führungsposten weiblich besetzt haben. Bezüglich dieses Vorhabens ging vor zwei Tagen eine Webseite online, auf der man alles Wichtige erfährt. Rund 130 Medizinerinnen haben sich dem Projekt mittlerweile angeschlossen. Die Zusammenfassung der Forderung wurde gestern in einem offenen Brief an sämtliche Dekane und Krankenhausdirektoren, die Berufsverbände sowie an Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) versandt.

„Auch Oberärztin ist eine Führungsposition, wir wollen aber auch mehr Chefärztinnen – also Frauen in Spitzenpositionen.“ Besonders in den Universitätskliniken muss ein Wandel stattfinden. „Denn dort wird ausgebildet, werden Wissenschaft und Praxis der Medizin weitgehend bestimmt“, sagt eine der Initiatorinnen, Ulrike Ley. Vorbild für dieses neuartige Leitbild soll eine Kampagne von Journalistinnen gewesen sein, die erreichen möchte, dass in den Verlags- und Redaktionshäusern Deutschlands bis 2017 mindestens 30% Frauen in leitenden Funktionen stehen.

Ärzte verhelfen gerne ihrem jüngerem Ich in den Chefsessel

Laut den Ärztinnen ist die Vereinbarkeit von Kind und Karriere kein großes Problem. Leys Co-Initiatorin Gabriele Kaczmarczyk, Professorin an der Berliner Charité sieht als Grund vielmehr andere Hürden. „Wir brauchen die Quote, weil Chefärzte am liebsten ihr eigenes jüngeres Selbst fördern, den jungen Assistenzarzt, in dem sie sich selbst wiedererkennen – und nicht die Ärztin.“ Unterstützerinnen für die Aktion zu finden war gar nicht so einfach, da viele Frauen um ihre Karriere fürchteten.

Die Diskussion zur Frauenquote wird jedoch wieder jeder Quotendiskussion gleichen und teils sinnfreie Fragen aufwerfen: Kommen die qualifiziertesten Doktoren an die Jobs oder leidet nun das Gesundheitssystem unter mangelnder Qualifikation bzw. wird einer möglichen Quotenfrau mit dem gleichen Respekt begegnet werden wie vorher den Medizinerinnen, die es allein durch eigene Hände Arbeit nach oben geschafft haben? Im den Kommentaren zum Spiegel-Bericht über die Thematik kann man von „Quotenemanzen“, „Vagina Quote“ und der Angst vor einem schlechteren Gesundheitssystems lesen. Es ist traurig, dass die dieses Niveau in der Erörterung anklingt, doch vielen geht die Debatte scheinbar sehr nah.

Qualität kann man nicht isolieren

An dem Diskurs ist nur seltsam, dass kaum einer in Frage stellt, dass Männer nicht auch aufgrund von anderen Faktoren außerhalb ihrer Fähigkeiten es auf die Chefposten gebracht haben. Eine Kommentatorin nannte es uncharmant: „unsichtbaren Penis-Quote“. Es ist ein dreckiger Sumpf, durch den gewatet werden muss, um eine Gleichstellung der Frau in der Medizin zu erreichen. Die Verfechterinnen der Medizinerinnenquote dürfen sich sicherlich noch auf eine gehörige Portion Gegenwind gefasst machen. Alles in allem ist es schade, dass sich eine gerechte geschlechtliche Zusammenstellung in vielen Berufen nicht von selbst reguliert und Qualität losgelöst von gesellschaftlichem Geklüngel regiert.

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