Max Preglau: „Ohne Quote wird’s nicht funktionieren“

Eine Antwort auf das Interview mit Daniela Weber-Rey zum Thema Frauenquote, weibliche Führungskräfte und Transparenz als Druckmittel.
von Univ. Prof. Dr. Max Preglau, Universität Innsbruck

In ihrem Gespräch mit powerfrauen.net hat Frau Daniela Weber-Rey dezidiert erklärt, dass Deutschland keine gesetzlichen Quoten für Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten brauche. Der Bedarf nach diversen Kompetenzen sei gegeben, das Angebot an qualifizierten Frauen in ausreichendem Maße vorhanden, über kurz oder lang würden sich daher „ganz automatisch“ mehr Frauen in Führungsgremien finden. Gesetzlicher Zwang sei nicht nötig, Transparenz und Gruppendruck der Unternehmen untereinander genügen. Damit der politische Druck in Richtung Quote nicht unwiderstehlich wird, müsse die Gesellschaft umdenken – „Kinder, Krippe, Karriere“ statt „Kinder, Küche, Kirche“, und der Staat dies auch durch entsprechende Maßnahmen (Ausbau von KiTas etc.) unterstützen. Und die Frauen selber müssen natürlich das Ihre tun: den richtigen Mann finden, sich frühzeitig für Kind und Karriere entscheiden, und sich durch Zukauf von Haushaltsdiensten von Haushalts- und Kinderbetreuungsarbeit entlasten.

Schön, wenn’s so einfach wäre. Aus der Sicht der Gesellschaftswissenschaft ist das aber ein reines Wunschdenken:

  • Frau Weber-Rey vertraut auf die Rationalität der Wirtschaft von den Kompetenzen von Frauen Gebrauch zu machen. Wie Doris Doppler in ihrer Dissertation gezeigt hat, wird aber in homogenen Männerzirkeln, wie sie bis heute die Vorstandsetagen bevölkern, die Mitwirkung von Frauen zumeist – Kompetenz hin, Kompetenz her – einfach gefühlsmäßig als fehl am Platze empfunden.
  • Frau Weber-Rey hofft auf Gruppendruck, der wirkt aber, wie Doppler ebenfalls herausgearbeitet hat, in der geschlossenen Gesellschaft der Management-Männerbünde gerade in die gegenteilige Wirkung, nämlich im Sinne des Ausschlusses von Frauen.
  • Frau Weber-Rey will die Gesellschaft in die Pflicht nehmen. Wie die Soziologin Birgit Pfau-Effinger herausgearbeitet hat, ist die Gesellschaft Deutschlands (wie auch die österreichische, aber anders als die skandinavische Gesellschaft) beherrscht von einer „Geschlechterkultur“, die immer noch vom überholten Modell des männlichen Familienernährers und der weiblichen Familienversorgerin ausgeht. Politikerinnen wie die bekennend antifeministische Frau Schröder tragen das ihre dazu bei, dass es auch so bleibt.
  • Frau Weber-Rey ermutigt Frauen, sich früh für Kind und Karriere zu entscheiden. Sie ignoriert dabei aber die u.a. durch eine Studie der Politikwissenschafterin Regina Dackweiler belegte Erfahrungstatsache, dass Frauen bei Entscheidungen über karriereförderliche betriebliche Weiterbildung und Auslandsdienste ganz unabhängig von ihrer individuellen Haltung allein deshalb gegenüber männlichen Mitbewerbern benachteiligt werden, weil sie (wie es bei der Mehrheit ihrer Geschlechtsgenossinnen ja tatsächlich der Fall ist) später schwanger werden und bei ihrem Kind zuhause bleiben könnten. Von Beginn an stößt frau also schon an die sprichwörtliche „gläserne Decke“, beginnt sich die Karriere- und Einkommensschere bereits zu öffnen.
  • Frau Weber-Rey fordert Karrierefrauen dazu auf, Hausarbeit und Kinderbetreuung zuzukaufen. Auf das seit den bahnbrechenden Arbeiten der amerikanischen Soziologin Arlie R. Hochschild unter dem Stichworten „Care Chain“ und „Care Drain“ diskutierte Problem, dass die Haushaltshilfen zumeist prekär und vielfach auch schwarz beschäftigte ausländische Frauen sind, die Entlastung der Karrierefrauen also auf dem Rücken anderer Frauen (und anderer Länder, in denen die abgewanderte Arbeitskraft eine Lücke hinterlässt) erfolgt, verschwendet sie keinen Gedanken, und dass auch die Männer bei der Sorgearbeit in die Pflicht genommen werden könnten, kommt ihr – offenbar selbst befangen in der traditionellen deutschen Geschlechterkultur – nicht in den Sinn.

Angesichts dieser gesellschaftlichen Lage ist es kein Wunder, dass wir hierzulande (und auch in Österreich) vor deutlichen und erstaunlich hartnäckigen „Gender-Gaps“ in Einkommen, Karriere und Beschäftigung sowie vor einem Phänomen stehen, dass die Soziologin Regina Becker-Schmidt als „umgekehrte Hierarchie der Berufe“ bezeichnet hat: je höher der Rang eines Berufs, desto geringer der Frauenanteil. Daraus erklärt sich letztlich auch die krasse Unterrepräsentation von Frauen in Spitzenfunktionen (der Frauenanteil in den höchsten Entscheidungsgremien der 50 größten börsenotierten Unternehmen beträgt in Deutschland nur 11 %; in Österreich gar nur 5 %!).

Anders sieht es in Ländern wie Norwegen oder Schweden aus: die Gender-Gaps sind kleiner, die „umgekehrte Hierarchie“ ist weniger ausgeprägt, es gibt deutlich mehr Frauen in Spitzenfunktionen der Wirtschaft, und auch die Sorgearbeit ist gerechter zwischen den Geschlechtern verteilt. Dort gibt es freilich auch eine andere Geschlechterkultur (das „Doppelernährermodell“), aber auch die verpflichtende Quote. Fazit: ohne neue Geschlechterkultur und ohne die Quote als Treibmittel wird’s auch hierzulande nicht funktionieren!

 

Max Preglau ist Professor für Soziologie and der Fakultät für Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Innsbruck, zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u.a. vergleichende Sozialstrukturanalyse, Sozialpolitik und Geschlechterforschung, er war und ist aber auch aktiver Vater zweier mittlerweile erwachsenen Kinder.

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