Annegret Kramp-Karrenbauer: „Ich bin eine klassische Quotenfrau!“

Die CDU-Politikerin, Annegret Kramp-Karrenbauer, spricht sich für eine gesetzliche Quote aus, um durch „Druck auf die Wirtschaft“ die Einstellung von Frauen zu fördern.

Wie ist Ihre Haltung zum Thema  Frauenquote? Und könnte man die Wirtschaft auch ohne Druckmittel zu mehr Frauen in Führungspositionen bewegen?

Frau Kramp-Karrenbauer: Alle Bemühungen mit der Wirtschaft durch freiwillige Vereinbarungen den Anteil der Frauen in Führungspositionen wie Aufsichts- und Verwaltungsräte zu erhöhen, brachten bisher nur wenige Verbesserungen. Mit rund 27 % sind Frauen in Führungspositionen nach wie vor eine Minderheit. Deshalb bin ich der Auffassung, dass wir eine gesetzliche Regelung brauchen. Nur durch eine gesetzliche Quote – egal ob fest oder flexibel – erzeugen wir den nötigen Druck auf die Wirtschaft, Frauen einzustellen und im Unternehmen zu fördern.

Studien haben ergeben, dass Unternehmen am effektivsten arbeiten, wenn ein hohes Maß an Diversität gegeben ist. Wäre es dann nicht sinnvoller, statt einer EU-Frauenquote eine EU-Vielfaltsquote zu fordern?

Frau Kramp-Karrenbauer: Um es gleich vorab zu sagen: Aus meiner Sicht ist es nicht vorrangige Aufgabe der EU, eine solche Quote für Frauen oder im Bereich der Vielfalt generell festzulegen. Dies sollte eine Entscheidung der nationalen Parlamente sein. Das stellt nämlich sicher, dass vor einer solchen Entscheidung auch andere Ansätze einer  freiwilligen Förderkonzeption eine Chance haben.

Wie vermeidet man präventiv die potentielle Entwertung von Frauen, da schon heute Neuberufungen aufgrund der Quote als Modeerscheinung abgetan werden können?

Frau Kramp-Karrenbauer: Wir müssen als Frauen mehr Selbstbewusstsein zeigen. Natürlich ist die Grundvoraussetzung die Qualifikation. Und da brauchen wir Frauen uns nicht zu verstecken. Bei vielen Besetzungen von männlichen Bewerbern spielen neben der Qualifikation auch andere Gründe eine Rolle. Das sind auch „Quoten“. Aber kein Mann sieht sich darin entmachtet. Diese Haltung sollten wir Frauen uns auch aneignen. Im Übrigen: Ich bin eine klassische Quotenfrau!

Frauen machen heutzutage schon häufig die besseren Examina als ihre Kommilitonen, haben also die gleichen Voraussetzungen (wenn sie keine Kinder haben) wie Männer und doch schaffen sie es weniger in die Top-Etagen der Wirtschaft. Woran liegt es, wenn wir scheinbar gleiche Bildungschancen haben?

Frau Kramp-Karrenbauer: Die Ursachen sind bekannt: Frauen unterbrechen oft ihre Berufstätigkeit oder arbeiten in Teilzeit, um Kinder zu erziehen, und Frauen wählen meist typische Frauenberufe mit schlechteren Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten. Mein Rat deshalb an junge Frauen, mehr Mut zu haben, auch in typische typisch männliche Berufsdomänen einzudringen.

Beobachten Sie bei sich selbst oder bei anderen weiblichen Politikerinnen eine unterschiedliche Behandlung als bei Männern?

Frau Kramp-Karrenbauer: Ich gestehe, als ich Mitte der 90er Jahre für Klaus Töpfer in den Bundestag nachgerückt bin als Mutter von drei Kindern, darunter ein Baby, hat so mancher Parteifreund die Stirn gerunzelt. Doch seit Frauen in Führungspositionen von Parteien keine Seltenheit mehr sind, und auch gezeigt haben, dass sie das politische Handwerk genauso gut verstehen wie Männer, haben sich Vorbehalte gegenüber Frauen abgebaut.

Sie sagten eben, dass sie Mutter von drei Kindern sind. Wie ließ sich das mit ihrer Karriere vereinbaren bzw. was raten Sie anhand Ihrer Erfahrungen anderen Frauen?

Frau Kramp-Karrenbauer: Für meinen Mann und mich war immer klar: Unsere Kinder sollen nicht unter der beruflichen Karriere ihrer Eltern leiden. Deshalb haben wir uns frühzeitig entschieden, wer das meiste Geld verdient, geht Vollzeit arbeiten und der andere Teilzeit und kümmert sich um die Familie. In den letzten Jahren blieb mein Mann daher zu Hause. Damit sind wir als Familie gut gefahren.

Ist die Einführung des Betreuungsgeldes ein Versuch der Regierung, die Knappheit von Kitaplätzen zu verschleiern bzw. präventiv den Klagewellen auf diese vorzubeugen?

Frau Kramp-Karrenbauer: Ich halte von diesen Deutungstheorien wenig. Wir arbeiten derzeit mit Hochdruck daran, den Rechtsanspruch auf einen KITA-Platz erfüllen zu können – das ist ambitioniert für Bund, Länder und Kommunen, aber ich bin zuversichtlich, dass uns dies gelingen wird. Das Betreuungsgeld ist davon unabhängig. Wir wollen Wahlfreiheit für alle Eltern. Deshalb sollen Eltern frei entscheiden können, ob sie ihr Kind in eine Kita geben oder lieber zu Hause betreuen wollen. Für letzteres gibt es dann das Betreuungsgeld.

In welcher Pflicht steht einerseits die Wirtschaft, andererseits die Politik Frauen, die Mütter sind oder werden wollen beim Weg an Unternehmensspitzen zu helfen? Und welche Mechanismen können unterstützende wirken?

Frau Kramp-Karrenbauer: Die Politik muss die Rahmenbedingungen so schaffen, dass Frauen Familie und Beruf ohne Probleme miteinander vereinbaren können. Das heißt, wir müssen genügend gut funktionierende Betreuungsmöglichkeiten schaffen. Gleichzeitig muss die Wirtschaft ihren Beitrag dazu leisten, mit Kindern Karriere machen zu können. Ich denke hier beispielsweise an mehr betriebliche Kindergärten, flexiblere Arbeitszeiten und neue Arbeitszeitmodelle für Eltern. Gerade der „Präsenzwahn“ am Arbeitsplatz von morgens acht bis abends zehn in vielen unserer Unternehmen verhindert, das auch Mütter den Weg durch die gläsernen Decken finden.

Frau Schmidt, die ehemalige Familienministerin, hat powerfrauen.net in einem Interview gesagt, dass für die Karriere einer Frau ein Mann, der einem den Rücken stärkt, am wichtigsten ist. Was hat für Sie die oberste Priorität?

Frau Kramp-Karrenbauer: Ich glaube, dass jeder der sich im Beruf stark engagiert, um Karriere zu machen, einen Rückhalt zu Hause braucht. Früher war dies die nicht berufstätige Gattin, die dem Ehemann den Rücken gestärkt hat, heute im Zeichen der Gleichberechtigung kann dies durchaus der Ehemann sein, der sich um die Familie und deren Zusammenhalt kümmert.

Drei Tipps für eine Frau, die eine Top-Position in der Wirtschaft anstrebt!

Frau Kramp-Karrenbauer: Haben Sie Mut, sich auch für typische Männerberufe zu entscheiden!

Seien Sie selbstbewusst! Frauen sind eine Bereicherung für jedes Unternehmen!

Lassen Sie sich nicht verunsichern, weil Sie ein altes Rollenverständnis aufgeben! Gemeinsam mit einem aufgeschlossenen Partner können Sie – ohne schlechtes Gewissen – Familie und Beruf miteinander vereinbaren!

Wir danken Ihnen sehr für das informative Interview.

Die Fragen stellte Katherine Finger.

Annegret Kramp-Karrenbauer ist seit 2010 Mitglied im CDU-Bundespräsidium und seit Sommer 2011 Ministerpräsidentin des Saarlandes sowie Vorsitzende des CDU-Landesverbandes Saar. Von 2000 bis 2007 war Kramp-Karrenbauer saarländische Ministerin für Inneres, Familie, Frauen und Sport, danach bis 2009 Ministerin für Bildung, Familien, Frauen und Kultur. Von 2009 bis 2011 war sie saarländische Ministerin für Arbeit, Familie, Soziales, Prävention und Sport. Die derzeit 50-jährige Politikerin ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.

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