Edelgard Bulmahn: „Ohne gesetzliche Verpflichtungen geht es nicht.“

Ein Interview mit Edelgard Bulmahn über Ungleichbehandlung von Mann und Frau

Welche Aufstiegsbarrieren können Sie für Frauen benennen? Und wie schafft man diese ab?

Edelgard Bulmahn: Wir haben in Deutschland nach wie vor Strukturen, die Frauen bezüglich einer gleichberechtigten Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt behindern. Die Vorstellung vom berufstätigen Ehemann und der Frau als – wenn überhaupt – Zuverdienerin, hat sich leider auch im 21. Jahrhundert gehalten. Darüber hinaus zementieren einige rechtliche Rahmenbedingungen überholte Rollenmuster, ein Beispiel ist hier das sogenannte Ehegatten-Splitting, ein anderes die Regelung zur Teilzeit oder die Versicherung von Frauen über ihren Partner.

Hinzu kommt, dass Frauen immer noch rund ein Viertel weniger verdienen als Männer. Deswegen brauchen wir endlich Entgeltgleichheit für Männer und Frauen und einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn. Dieser kommt vor allem Frauen zu Gute, da sie viel häufiger von niedrigen Löhnen betroffen sind als ihre männlichen Kollegen.

Könnte die Frauenquote ein hilfreiches Instrument sein?

Edelgard Bulmahn: Ganz klar. Die SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag hat gefordert: In den Vorständen und Aufsichtsräten börsennotierter und mitbestimmter Unternehmen müssen Männer und Frauen mindestens zu je 40 Prozent vertreten sein. Von alleine und mit auf Freiwilligkeit basierenden Vereinbarungen verändert sich gar nichts. Wir haben damals als Rot-Grüne Bundesregierung mit den Spitzenverbänden der Wirtschaft eine Vereinbarung zu Chancengleichheit geschlossen. Die Ergebnisse sind nach zehn Jahren frustrierend. Das heißt also: Ohne gesetzliche Verpflichtungen geht es nicht.

Frauen machen heutzutage schon häufig bessere Examen als ihre Kommilitonen, haben also die gleichen Voraussetzungen (wenn sie keine Kinder haben) wie Männer und doch schaffen sie es weniger in die Top-Etagen der Wirtschaft. Woran liegt es, wenn wir scheinbar gleiche Bildungschancen haben?

Edelgard Bulmahn: „Wenn sie keine Kinder haben“ ist bei der Frage der entscheidende Schlüsselbegriff. Ja, Frauen sind besser in der Schule, schneiden vielfach besser im Studium ab als ihre männlichen Kollegen. Vielen jungen Frauen ist Ungleichbehandlung oder Benachteiligung ihres Geschlechts fremd, deswegen sehen sie es nicht als Problem an. Auf der einen Seite freut es mich, auf der anderen ist das natürlich fatal, denn: Die allermeisten Frauen spüren die unterschiedliche Behandlung der Geschlechter erst, wenn sie bereits im Arbeitsleben stehen, beispielsweise wenn es zur Familienbildung kommt. Dann müssen sie sich entscheiden, entweder für ihren Beruf oder ihre Familie. Selten lässt sich beides gut miteinander und gleichberechtigt mit dem/der PartnerIn vereinbaren. Männer hingegen arbeiten nach einer Familiengründung häufig sogar mehr als vorher, für Frauen ist endet sie oft in einer beruflichen Sackgasse mit mehrjähriger Auszeit, Teilzeit oder Wiedereinstieg im Minijobmarkt. Diese Faktoren wirken sich dann wiederrum negativ auf die Rentenansprüche von Frauen und auf ihre Altersarmut aus.

Das gesamte Bildungssystem ist nach wie vor stark von Stereotypen geprägt. Deshalb muss Geschlechtergerechtigkeit schon bei einer geschlechtergerechten Bildung und Berufswahl beginnen. Dieses Thema spielt bei der Ausbildung von ErzieherInnen und PädagogInnen heute immer noch ein viel zu geringe Rolle. Die althergebrachte Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau schränkt Frauen bei der Berufswahl und Berufsausübung viel mehr ein als Männer. Beide Geschlechter müssen in Zukunft viel selbstbestimmter mit ihrer Zeit umgehen können. Deswegen braucht es umfangreiche Reformen auf dem Arbeitsmarkt und im Arbeitsrecht sowie erheblich mehr Plätze in der Kinderbetreuung. Und dann gibt es da noch die unrühmliche „Gläserne Decke“, wenn es um die Besetzung von Spitzenpositionen geht. Die Netzwerke von Männern funktionieren derzeit häufig einfach besser.

Warum verdienen Frauen noch weniger trotz gleicher Ausgangsvoraussetzungen?

Edelgard Bulmahn: In der Tat bleibt die Entgeldlücke zwischen Frauen und Männern seit Jahren auf skandalös hohem Niveau. Frauen sind deutlich stärker von Beschäftigungsverhältnissen im Niedriglohnsektor betroffen als Männer. Allein zwei Drittel aller Beschäftigten mit einem sogenannten Minijob sind Frauen. Dazu kommt, dass Frauen viel häufiger Teilzeitarbeit in Anspruch nehmen, die wiederum oft schlechter bezahlt ist als Vollzeitarbeit. Außerdem bedarf es dringend einer Aufwertung von traditionell frauendominierten Berufszweigen, z.B. im Erziehungs- oder Gesundheitswesen. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum Menschen in diesen Berufen unterbezahlt sind. Wir fordern daher schon lange eine bessere Bezahlung für diese Berufsgruppen, wie auch eine höhere gesellschaftliche Anerkennung für die dort tätigen Arbeitnehmerinnen.

Haben wir die beste untere Führungsschicht der Welt? Da gut ausgebildete Frauen, wenn überhaupt, nur Jobs in den unteren und mittleren Führungsebenen bekommen?

Edelgard Bulmahn: Das genannte Phänomen der „gläsernen Decke“ kann sicherlich nur im Zusammenspiel mit den von mir angesprochenen Rahmenbedingungen und gesetzlichen Regelungen durchbrochen werden. Deswegen ist – wie gesagt – ein Umdenken „von Anfang an“ erforderlich, angefangen bei der frühkindlichen Bildung. Frauen sind beispielsweise auch auf Führungspositionen in Bildung und Wissenschaft unterrepräsentiert, nicht nur in Führungspositionen in der Privatwirtschaft. Neben der bereits erwähnten Quote, die auch für Top-Positionen in der Lehre und Forschung eingeführt werden sollte, müssen neben der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf Frauen sich gegenseitig stärker fördern.

Wir wollen den gemeinsamen Elterngeldbezug stärken, damit Männer und Frauen ihre Verantwortung bei der Kindererziehung in gleichem Maße wahrnehmen können.

Welche Charaktermerkmale haben Sie für Ihren Karriereweg schon mitgebracht, die förderlich waren?

Edelgard Bulmahn: Hohe Arbeitsmotivation, Durchsetzungsstärke und Begeisterungsfähigkeit.

Drei Tipps für eine Frau, die eine Top-Position in der Wirtschaft anstrebt?

Edelgard Bulmahn: Selbstbewusst bleiben, soziales Netzwerk pflegen, Weiterbildung und Kompetenzen entwickeln.

Und was wäre der größte Karrierekiller?

Edelgard Bulmahn: Resignation.

Wir danken Ihnen sehr für das Gespräch.       

Das Interview führte Katherine Finger.

Edelgard Bulmahn ist derzeit 62 Jahre alt und war von 1998 bis 2005 Bundesministerin für Bildung und Forschung in den Zeiten des Schröder Kabinetts. Von 2005 bis 2009 war sich Vorsitzende des Ausschusses für Wirtschaft und Technologie des Deutschen Bundestages.

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