Sahra Wagenknecht: Kinder in Deutschland sind das größte Karriere- und Armutsrisiko

Im Interview mit powerfrauen.net sagt Sahra Wagenknecht, Linke-Politikerin und Publizistin, dass die Frauenquote „hilfreich und sinnvoll“ ist, aber der Kern des Problems die fehlende „soziale Infrastruktur“ sei, die es Frauen ermöglichen würde, „Familie und Vollzeitarbeit zu vereinbaren“.

 

Muss eine gesetzliche Grundlage wie die Frauenquote nicht von unten nach oben wirken, damit Frauen organisch auf qualifizierte Posten, die zur Auswahl von Vorständen und Aufsichtsräten dienen, kommen?

Sahra Wagenknecht: Alle Menschen – ob Männer oder Frauen – wachsen durch die Übernahme von Verantwortung und Erfahrung. Frauen sollten auf allen Ebenen vertreten sein. Quoten sind dafür hilfreich und sinnvoll, aber sie allein lösen das Problem nicht. Wir brauchen vor allem eine soziale Infrastruktur, die es Frauen ermöglicht, Familie und Vollzeitarbeit zu vereinbaren. Die Verfügbarkeit einer guten und qualifizierten Ganztagsbetreuung für Kinder ist dabei ganz elementar.

Wie vermeidet man präventiv die potentielle (Selbst)Entwertung von Frauen, da schon heute Neuberufungen in den Aufsichtsräten und Vorständen aufgrund der Quote als Modeerscheinung abgetan werden können?

Sahra Wagenknecht: Ich denke, Frauen in so exponierter Position können sich behaupten.  Die Erfahrungen aus den skandinavischen Ländern zeigen: Sind Frauen erst einmal auf allen Ebenen des Arbeitslebens vertreten, verschwinden allmählich auch die Vorurteile und Klischees.

Können Sie über die momentane Sexismus-Debatte eher lachen oder stellt Sexismus ein ernsthaftes gesellschaftliches Problem dar? Wenn ja, in wie fern?

Sahra Wagenknecht: Rainer Brüderles Bemerkung taugt nicht als Anlass für eine Sexismus-Debatte, denn so wird ein ernstes Problem ins Lächerliche gezogen: Sexismus ist vor allem ein Problem für Frauen in Abhängigkeit. Wer in untergebener Position ist und vom Chef dumme Bemerkungen ertragen muss, kann sich kaum wehren. Und oft bleibt es nicht bei anzüglichen Bemerkungen, manche werden handgreiflich. Wird auf diese Weise Abhängigkeit ausgenutzt, dann ist das unerträglich. Das ist leider ein gravierendes gesellschaftliches Problem, von dem tausende Frauen betroffen sind.

Wenn sie sich heutzutage Frauen in den Führungsetagen anschauen, was machen sie richtig, was könnten sie noch besser machen?

Sahra Wagenknecht: Mein Eindruck ist: Frauen können sehr machtbewusst sein, siehe etwa Kanzlerin Merkel. Andere Frauen sind vielleicht sensibler als ihre männlichen Kollegen, aber verallgemeinern kann man das nicht. Frauen sind per se nicht die besseren Menschen.

Welche Charaktermerkmale haben Sie für ihren Aufstieg in der Politik schon mitgebracht, die förderlich waren und welche waren eher hinderlich?

Sahra Wagenknecht: Das können andere wahrscheinlich besser beurteilen. Man muss eine Sache wirklich wollen und aus Überzeugung tun. Eine gewisse Sturheit, die mir eigen ist, war sicher hilfreich. Aber man sollte sich auch immer Freiräume und Unabhängigkeit von der Politik bewahren. Meine Schwäche ist: Ich bin nicht der Typ der Hinterzimmer, wo die Netzwerke und Intrigen gesponnen werden. Und ich bin für das politische Alltagsgeschäft zu perfektionistisch.

Jeder fragt sie neuerdings als Lebensgefährtin von Lafontaine, wird das ihrer Rolle als erfolgreicher Frau gerecht. Schließlich war der Name Wagenknecht auch schon vor Lafontaine bekannt. Was raten Sie Frauen in vergleichbaren Situationen?

Sahra Wagenknecht: Am besten ist es wahrscheinlich, gewisse Dinge einfach zu ignorieren, auch wenn man sich darüber ärgert. Klar, nur mit Frauen wird so umgegangen, dass man versucht, sie zur „Lebenspartnerin von…“ herabzusetzen. Aber mein Gefühl ist: Es funktioniert nicht. Frauen, die eine eigenständige Persönlichkeit sind und ihren eigenen Weg gehen, werden letztlich auch so wahrgenommen. Wer mich kennt, weiß, dass ich unabhängig denke und handele.

Drei Tipps für eine Frau, die eine Top-Position in der Wirtschaft anstrebt?

Sahra Wagenknecht: Egal was man tut: Man sollte es aus Überzeugung tun und sich immer auch persönliche Freiräume bewahren. Man sollte seine Ansprüche an das eigene Leben nie in den Wind schreiben. Und man sollte im Umgang mit anderen Menschen nie Dinge tun, für die man sich letztlich selbst verachten muss.

Und was wäre der größte Karrierekiller?

Sahra Wagenknecht: Heutzutage sind Kinder in Deutschland leider noch immer das größte Karriere- und Armutsrisiko. Das ist eine Schande. Ein kinderfreundliches und gerechtes Land muss seine Talente fördern. Neben einer substantiell verbesserten öffentlichen Kinderbetreuung muss dafür auch gewährleistet sein, dass Eltern genug Zeit für ihre Kinder haben. Die Agenda 2010 hat Niedriglöhne, Leiharbeit und immer mehr Arbeitsstress gebracht. Vielen wird abverlangt, dass sie in den Abendstunden oder am Wochenende arbeiten. Wir brauchen wieder einen besser regulierten Arbeitsmarkt, in dem Überstunden die Ausnahme und nicht die Regel sind.

Wir danken Ihnen für Beantwortung unserer Fragen. 

Das Interview führte Katherine Finger

Sahra Wagenknecht ist derzeit 43 Jahre alt und seit November 2011 eine von zwei ersten Stellvertreterinnen des Vorsitzenden der Bundestagsfraktion Die Linke und wirtschaftspolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Sie ist in erster Ehe geschieden und lebt momentan mit ihrem Lebensgefährten Oskar Lafontaine zusammen. 

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