Qualifikation für den Aufsichtsrat: andere Maßstäbe?

Bereits vor ihrem Amtsantritt wurde die Berufung der früheren Avon-Chefin Andrea Jung in den Daimler Aufsichtsrat kritisiert: Zu wenig Automobilkompetenz bringe sie mit! Schaut man sich die Biografien ihrer männlichen Kollegen im Kontrollgremium des Automobilkonzerns an, sucht man diese einschlägigen Erfahrungen mitunter ebenfalls vergeblich.

Seit gut einem Monat sitzt Andrea Jung im Aufsichtsrat der Daimler AG und ist damit schon die fünfte Frau unter den 20 Gremienmitgliedern. Mit ihr sind Sabine Maaßen und Elke Tönjes-Werner als Belegschaftsvertreterinnen in das Kontrollgremium eingezogen. Sechs hätten es werden können auf der Hauptversammlung am 10. April 2013, aber zur Berufung der von vornherein unsicheren Kandidatin Ulrike Schwing-Dengler kam es nicht. Dennoch hat der Konzern damit einen Sprung von 10% Frauenanteil im Aufsichtsrat auf 25% gemacht, auch ohne starre Quote. Die von Familienministerin Kristina Schröder favorisierte Flexi-Quote, bei der sich die Unternehmen individuelle Ziele zur Erhöhung des Frauenanteils setzen können, scheint also zu wirken.

Aber vor allem die Personalie Andrea Jung ist nicht von allen gern gesehen. Die Kompetenzen, die sie als ehemalige CEO des US-amerikanischen Kosmetikkonzerns Avon für die Automobilbranche mitbringt, sind für viele Aktionäre fragwürdig. Eine Prise mehr automobiler Kompetenz würde Daimler besser zu Gesicht stehen als die „kosmetische“ Erhöhung der Frauenquote, äußerte sich ein Fondsmanager zur Aufstellung von Jung. Ihr Vorgänger, der kanadische Manager Lynton Wilson, brachte die gewünschte Branchenerfahrung allerdings auch nicht mit. Ist es also der sprunghafte Anstieg des Frauenanteils der als kritisch angesehen wird? Oder spiegelt sich hier die Nervosität der Aktionäre aufgrund der allgemein schlechten Lage des Autobauers wieder? Immerhin konnte Daimler schon 2012 die Gewinnziele nicht erreichen und kann auch mit keinem guten Start in 2013 aufwarten. Daran kann Frau Jung nicht schuld sein.

An Managementerfahrung mangelt es Andrea Jung jedenfalls nicht. Seit 1999 stand sie an der Spitze des traditionsreichen Konsumgüter-Unternehmens Avon und hat es zunächst auf Erfolgskurs geführt. Diesen konnte sie in den letzten Jahren nicht aufrechterhalten und trat 2012 von ihrer Leitungsfunktion zurück, die nun Sheri McCoy innehat. Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff verteidigte ihre Berufung aufgrund ihrer Marketing-Expertise sowie ihrer Erfahrung in wichtigen Märkten wie Nord- und Südamerika und Russland. Außerdem hat sie schon seit 1998 einen Sitz im Aufsichtsrat von General Electric und ist seit 2008 als einzige Frau im Aufsichtsrat von Apple vertreten. Zwei Unternehmen, die vermutlich mehr mit der Automobil- als mit der Kosmetikbranche gemeinsam haben.

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