Dagmar Wöhrl: Frauen, die alles so machen wie die Männer, begehen auch die gleichen Fehler

Die CSU-Politikerin und Bundestagsabgeordnete Dagmar Wöhrl erzählt im Interview mit powerfrauen.net warum qualifizierte Frauen auch ohne Quote ihre Ziele erreichen können, wie Mutterdasein und Karriere zusammenpassen und wie sie mit Schubladendenken umgeht.

Dagmar Wöhrl_kleinWie ist Ihre Haltung zum Thema Frauenquote? Und könnte man die Wirtschaft auch ohne Druckmittel zu mehr Frauen in Führungspositionen bewegen?

Dagmar Wöhrl: Ich bin gegen eine feste Quote in Aufsichtsräten und habe daher auch gegen die SPD-Initiative im Bundestag gestimmt. Fähige Frauen brauchen meiner Ansicht nach keine Quote. Eine gute Personalführung in einem Unternehmen erkennt und fördert die Potentiale aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und kann es sich heutzutage gar nicht mehr erlauben, auf qualifizierte Frauen zu verzichten. Unsere Gesellschaft hat in den vergangenen 50 Jahren bedeutende Veränderungen durchlebt. Das Verhältnis von Mann und Frau hat sich grundlegend geändert. Ich denke aber, dass eine gesetzliche Quote uns in diesem gesellschaftlichen Wandel zurückwerfen würde. Eigenes Erkennen und Selbstverpflichtung sind immer besser und nachhaltiger. Hinzu kommt auch, dass gerade in Zeiten des Fachkräftemangels Unternehmen die Potentiale ihrer weiblichen Mitarbeiter und Auszubildenden erkennen und darauf angewiesen sind. Angesichts der demographischen Entwicklung in Deutschland kann es sich bald kein Arbeitgeber mehr erlauben, auf die 50% potentieller Facharbeits- und Führungskräfte zu verzichten, nur weil sie weiblich sind.

Frauen machen heutzutage schon häufig bessere Examen als ihre Kommilitonen, haben also die gleichen Voraussetzungen (wenn sie keine Kinder haben) wie Männer und doch schaffen sie es weniger in die Top-Etagen der Wirtschaft. Woran liegt es, wenn wir scheinbar gleiche Bildungschancen haben?

Dagmar Wöhrl: Ich kann nur meinen persönlichen Eindruck wiedergeben, eine Universalerklärung habe ich nicht. Als Volljuristin und Unternehmerin mit zwei schulpflichtigen Kindern war es für mich früher meist eine Frage der Organisation, um alles und alle unter einen Hut zu bringen. Vor allem während der ersten Jahre als Bundestagsabgeordnete unterstützte ich meine Söhne oft per Telefon und Fax bei den Hausaufgaben am Nachmittag. Einfach war das nicht immer, aber für mich war die Balance zwischen Mutter sein und Arbeit immer eine Bereicherung. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir deshalb Möglichkeiten verwehrt geblieben wären. Als Mutter mit einem guten Abschluss in der Tasche steht jede Frau zunächst mit ihren Mitbewerbern auf Augenhöhe. Wir Frauen setzen aber oft im Leben andere Prioritäten und nehmen uns selbst mehr zurück als nötig – um der Familie Willen und um der Teamzusammenarbeit Willen. Die Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen, ist an sich etwas sehr gutes, vor allem für ein Unternehmen. Aber diese Erkenntnis und die Wertschätzung dafür muss in der Wirtschaft noch wachsen. Und natürlich ist es immer noch eine Tatsache, dass wir uns mitten im Wandel befinden.

Glauben Sie als CSU-Mitglied, dass die Einführung des Betreuungsgeldes ein Fortschritt oder ein Rückschritt in Sachen Emanzipation ist?

Dagmar Wöhrl: Ich sehe das Betreuungsgeld nicht unter dem Aspekt der Emanzipation. Auch der Begriff „Herdprämie“ ist in meinen Augen wirklich herabwürdigend. Denn darum geht es doch gar nicht. Mir ist die Wahlfreiheit wichtig, die wir mit dem Betreuungsgeld stärken. Wenn sich Eltern entscheiden, dass ein Elternteil die beruflichen Ambitionen hinter die Kindererziehung zurückstellt, ist das ebenso zu würdigen und zu unterstützen wie die Entscheidung, nach Mutterschutz und Elternzeit wieder teilweise oder ganz in den Beruf zurückzukehren und die Kinder in die Kindertagesstätte oder in den Hort zu bringen. Ich kann die Bedenken nachvollziehen, die manche haben, dass gerade in Familien mit Migrationshintergrund zugunsten des Betreuungsgeldes darauf verzichtet wird, die Kinder in die Kita zu schicken. Vor allem in diesen Familien ist die frühkindliche Bildung oft besonders wichtig, um den Kindern das spätere schulische Fortkommen zu erleichtern. Dies wird aber nicht durch das Betreuungsgeld allein verursacht. Hier müssen wir in Sachen Integration an ganz anderer Stelle ansetzen.

Als ehemalige Miss Germany können Sie uns doch bestimmt sagen, ob weibliche Schönheit es einem einfacher oder schwerer macht, sich an die Spitze der Wirtschaft bzw. Politik zu arbeiten.

Dagmar Wöhrl: Um Fleiß, Ausdauer und Leistungsbereitschaft ist noch niemand herumgekommen, der etwas erreichen wollte. Außerdem liegt Schönheit doch immer im Auge des Betrachters. Wichtiger ist ein offenes und verbindliches Auftreten und Engagement.

Sie haben mal gesagt, dass viele Sie seit Jahrzehnten auf den Dreiklang „Miss Germany, vermögende Ehefrau und Blondine“ reduzieren. Wie kommt es zu solchen oberflächlichen Plattitüden und passiert Männern so etwas genauso oft?

Dagmar Wöhrl: Es ist immer am einfachsten, Menschen in Schubladen zu stecken. Man beurteilt nach oberflächlichen Kategorien, ohne sich die Menschen genauer anzusehen oder sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Wir alle sollten uns aber vor Augen halten, dass jeder Mensch genauso wenig in Schubladen passt wie man selbst. Das Schubladendenken ist aber nur allzu menschlich. Deswegen bin ich überzeugt, dass es Männern genauso häufig passiert wie Frauen, dass sie auf einzelne Aspekte reduziert werden, die so nicht unbedingt ihrer Persönlichkeit entsprechen.

Wie tappt man nicht auch in die Falle von Vorverurteilung?

Dagmar Wöhrl: Vorverurteilungen lassen sich verhindern, indem man versucht, sich immer ein unvoreingenommenes Bild von dem Menschen zu machen, der einem gerade gegenübersteht. Ich verlasse mich nicht auf die allgemeine Meinung. Um einen Menschen wirklich kennenzulernen muss man sich fragen: „Was steckt hinter der Fassade?“ Dies ist eine ständige Übung. Man ist immer in Versuchung, vorschnelle Urteile zu fällen.

Wie haben Sie Ihr Mutterdasein und Ihre erfolgreiche Karriere unter einen Hut bekommen und was raten Sie anhand Ihrer Erfahrungen anderen Frauen?

Dagmar Wöhrl: Als unsere beiden Söhne noch klein waren, war es manchmal sehr schwierig, alle und alles unter einen Hut zu bekommen. Aber ich hatte auch das Glück, dass ich sehr viel Unterstützung erhalten habe, sei es durch meinen Mann, meine Mutter und auch von Mitarbeitern, auf die ich mich verlassen konnte. Heute unterstützt mich auch mein erwachsener Sohn in manchen Dingen, die uns beiden am Herzen liegen und Familiensache sind. Das alles ist aber nicht selbstverständlich. Als Bundestagsabgeordnete habe ich natürlich den Vorteil, dass ich in den sitzungsfreien Wochen nicht in Berlin sein muss, sondern zuhause in Nürnberg sein kann. Früher habe ich dann meine Söhne manchmal auch mitgenommen, wenn ich zu Veranstaltungen musste. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Man muss Prioritäten setzen und die Familie sollte immer an erster Stelle stehen! Die freie Zeit, die man gemeinsam hat, sollte man immer auskosten und genießen. Unser Familienleben ist heute immer noch eine Sache des Organisierens, weil wir mittlerweile alle, mein Mann, ich und auch unser Sohn, beruflich viel unterwegs sind. Dann freut man sich umso mehr auf gemeinsame Zeit und ich genieße jeden Moment zu Hause mit ihnen.

Welche Charaktermerkmale haben Sie für Ihren Karriereweg schon mitgebracht, die förderlich waren? Welche Eigenschaften waren eher hinderlich und mussten möglicherweise abtrainiert werden?

Dagmar Wöhrl: Ich habe es schon gesagt: Um Ausdauer, Fleiß und Leistungsbereitschaft kommt man nicht herum. Ich musste mir vieles erarbeiten, aber die drei Dinge habe ich von meiner Familie mit auf den Weg bekommen. Freude an Kommunikation und am Umgang mit Menschen haben mir ebenfalls vieles leichter gemacht. Was ich später lernen musste, war, dass Offenheit auch ausgenutzt werden kann und ich mir ebenfalls ein gesundes Misstrauen angewöhnen musste. Mehr Geduld bzw. weniger Ungeduld sind zugegebenermaßen Punkte, an denen ich auch heute noch immer an mir arbeiten muss. Aber in der Politik ist Ungeduld manchmal auch notwendig, um Dinge voranzutreiben…

Unsere Zielgruppe sind ja erfolgreiche Frauen – die entweder schon einen Posten in der Geschäftsführung innehaben oder noch anstreben. Daher: Drei Tipps für eine Frau, die eine Top-Position in der Wirtschaft anstrebt?

Dagmar Wöhrl: Seien Sie authentisch und kämpfen Sie für Ihre Ziele und Überzeugungen. Seien Sie selbstbewusst und vergessen Sie nie, was Sie bereits geleistet haben und noch leisten können. Stehen Sie Ihren Mann aber auf Ihre ganz individuelle Art und Weise! Unsere Art, an etwas heranzugehen, Konsens statt Konfrontation zu suchen, bei allen Wirtschaftsdaten das Wesentliche – nämlich die Menschen – nicht aus dem Blick zu verlieren und trotzdem durchzusetzen, was wir für richtig erachten, das ist das, was uns Frauen ausmacht, und das ist unsere Stärke. Wir können alles, aber wir müssen nicht alles genauso machen wie die Männer. Denn dann würden wir auch die gleichen Fehler wie sie begehen.

Und was wäre der größte Karrierekiller?

Dagmar Wöhrl: Sich Ratschläge und Tipps zu holen ist immens wichtig. Kritik annehmen bringt einen unglaublich weiter. Aber niemals sollte frau sich von ihrem Weg abbringen lassen und ihre Ziele aus den Augen verlieren. Zu glauben oder sich vielmehr einreden zu lassen, man könne bestimmte Dinge nicht erreichen, das ist der größte Karrierekiller überhaupt!

Die Fragen stellte Katherine Finger.

Dagmar Wöhrl ist derzeit 59 Jahre alt. Sie ist Rechtsanwältin und Unternehmerin und seit 1994 Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 2005 bis 2009 war sie
Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie.

 

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