Malu Dreyer: Frauen tendieren dazu, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen

Die rheinland-pfälzische Ministerpäsidentin Malu Dreyer erzählt im Interview mit powerfrauen.net, dass ihr Klischees über typisch männliches und typisch weibliches Karriereverhalten fremd sind. Eine moderne Führungskraft – egal ob Frau oder Mann – sollte sowohl über Kommunikationsfähigkeit als auch Entscheidungsstärke verfügen.

Sie sind bereits die vierte amtierende Ministerpräsidentin in Deutschland. Nimmt die Politik ihre Vorbildfunktion in Sachen Frauen in Führungspositionen wahr?

Malu_DreyerMalu Dreyer: Insgesamt hat sich in der Politik in den vergangenen Jahren in dieser Hinsicht viel bewegt. Als ich vor mehr als elf Jahren Ministerin wurde, war ich in Gremien oft die einzige Frau. Das ist heute nicht mehr so. Aber allein die Tatsache, dass immer wieder besonders betont wird, dass wir jetzt „bereits“ vier Ministerpräsidentinnen in Deutschland haben, zeigt, dass wir noch lange keine Normalität erreicht haben, denn dann müssten wir doppelt so viele sein, um die Hälfte der Bundesländer zu repräsentieren. Für Rheinland-Pfalz kann ich aber sagen, dass wir unsere Vorbildfunktion mit einer Ministerpräsidentin, fünf Ministerinnen und vier Ministern ganz sicher mehr als erfüllen.

Welche Eigenschaften haben Sie denn für ihren Aufstieg in der Politik schon mitgebracht? Und was mussten Sie erst lernen?

Malu Dreyer: Ich habe mich schon sehr früh für Politik interessiert, nicht zuletzt durch meinen Vater, der ja in der Lokalpolitik tätig war. Bei uns zu Hause gab es immer lebhafte Diskussionen über politische Themen, das hat natürlich meinen Blick geschärft und mir dabei geholfen, mir meine eigenen Meinungen zu bilden. Ich wollte schon früh etwas bewegen, mich einsetzen. Wenn ich von etwas überzeugt bin, dann streite ich dafür sehr engagiert und mit langem Atem. Auch die Freude am Kontakt zu anderen Menschen gehört sicherlich zu meinen Grundeigenschaften. Verstehen lernen musste ich, wie politische Entscheidungen manchmal zustande kommen, und dass der Kompromiss oft das prägende Element von Politik ist.

Gibt es weibliche Eigenschaften, die für die Karriere eher hinderlich sind?

Malu Dreyer: Es gibt immer wieder Untersuchungen, die sagen, Frauen tendieren dazu, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen und ihre Interessen nicht genügend durchzusetzen. Gleichzeitig scheint es Männern wesentlich leichter zu fallen, sich zu vernetzen und sich gegenseitig zu fördern. Mindestens ebenso wichtig ist es aber, dass Frauen in Deutschland nach wie vor die Hauptverantwortung für die Erziehung von Kindern tragen, so dass die Entscheidung für ein oder mehrere Kinder oft zum Einbruch in der Karriere führt. Deshalb brauchen wir eine noch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und auch die stärkere Einbeziehung der Partner in die Erziehungsaufgabe. Die Frage nach den hinderlichen weiblichen Eigenschaften verlagert die Verantwortung auf die Frauen, nach dem Motto „Ihr könntet ja Karriere machen, wenn ihr nur Eure typisch weiblichen Eigenschaften ablegen würdet“. Das ist aus meiner Sicht der falsche Ansatz.

Sie haben das Thema Vereinbarkeit angesprochen. Die SPD steht ja für mehr Betreuungsplätze anstelle des Betreuungsgeldes. In Rheinland-Pfalz sind die Kitaplätze sogar kostenlos. Welche Maßnahmen, um Frauen mit Familie auch ein erfolgreiches Berufsleben zu ermöglichen, werden Sie noch vorantreiben?

Malu Dreyer: Wir in Rheinland-Pfalz gehen diesen Weg sehr konsequent, weil wir es Paaren leichter machen wollen, sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen, und weil wir ein attraktives Land für Familien sein wollen. Wir setzen vor allem auf gute und verlässliche Betreuungsangebote, familiengerechte Arbeitszeiten und finanzielle Entlastung von Familien. Wir brauchen innovative Ansätze für flexible Kinderbetreuung, mehr Zeitsouveränität für Familien und eine an den Lebensphasen orientierte Personalpolitik. Das sind Themen, um die wir uns in den kommenden Jahren weiter intensiv kümmern.

Sie möchten die Welt gerechter machen. Ist das ein typischer Geschlechterunterschied: Männer streben nach Macht und Frauen nach sozialer Gerechtigkeit?

Malu Dreyer: Nein, das denke ich nicht. Im Übrigen sind mir solche Klischees fremd. Die Welt ist voll von Männern, für die das Streben nach sozialer Gerechtigkeit ein elementares Ziel ist. Es ist zum Beispiel ein Kernanliegen meiner Partei, die ja auch aus vielen Männern besteht.

Trotzdem wird Männern nachgesagt, dass Sie mit härteren Methoden vorgehen, um ihre Ziele zu erreichen. Muss man als Frau auch mal die Ellenbogen ausfahren?

Malu Dreyer: Auch wieder so ein Klischee …Eine moderne Führungskraft sollte nach meiner Ansicht über ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit und Teamorientierung, aber natürlich auch Entscheidungsstärke und Durchsetzungskraft verfügen. Diese Eigenschaften sind nicht per se männlich oder weiblich. Und mit „Ellenbogen ausfahren“ hat das auch nichts zu tun.

An den Konzernvorständen wird häufig kritisiert, dass Frauen – wenn überhaupt – als Personalvorstand berufen werden. In der Politik ist es ähnlich. Frauen werden Familien- oder Kulturministerin, selten Wirtschafts- oder Finanzministerin. Sollte sich das ihrer Meinung nach ändern?

Malu Dreyer: Ich möchte davor warnen, Sozial-, Bildungs-, Familien- oder Gesundheitspolitik als „weiche Themen“ abzutun, was die Kritik ja impliziert. In diesen Themen werden sehr wichtige Zukunftsfragen für unsere Gesellschaft entschieden. Aber natürlich ist es wünschenswert, dass in allen politischen Themenbereichen Männer und Frauen gleichermaßen vertreten sind. In Rheinland-Pfalz haben wir im Übrigen auch eine Wirtschaftsministerin.

Sie haben sich bei Ihrem Amtsantritt gewünscht, dass man Sie darauf hinweisen soll, wenn Sie sich verändern oder komisch werden. Ist davon nach 7 Monaten schon etwas zu spüren?

Malu Dreyer: Das Amt hat mein Leben natürlich sehr verändert. Darüber spreche ich auch mit Menschen, die mir nahestehen. Aber Hinweise, dass sich meine Persönlichkeit dadurch verändert hat, habe ich nicht.

Was sind Ihre drei Tipps für eine Frau, die eine Top-Position in Wirtschaft oder Politik anstrebt?

Malu Dreyer: Ich halte es für das Wichtigste, dass man sich auf seine Stärken besinnt und diese zur Geltung bringt. Man sollte man selbst bleiben, denn fehlende Authentizität wird meistens sehr schnell sichtbar. Und man sollte sich nicht selbst begrenzen und schon gar nicht sich begrenzen lassen.

Und was wäre der größte Karrierekiller?

Malu Dreyer: Die Angst vor dem Versagen.

Herzlichen Dank, Frau Dreyer!

Die Fragen stellte Alexandra Mieth.

Marie Luise Anna „Malu“ Dreyer ist seit Januar 2013 Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz und die erste Frau in diesem Amt. Seit 2002 war die studierte Juristin dort Ministerin für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie. Malu Dreyer ist 52 Jahre alt.

 

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