Die Frau an Deutschlands Spitze

Sie war die erste Frau, die das Bundeskanzleramt in Deutschland innehat. Und sie wird es nun wohl weitere vier Jahre behalten. Das Wirtschaftsmagazin Forbes hat sie erneut zur mächtigsten Frau der Welt gekürt, vor Dilma Rousseff und Melinda Gates. Mindestens zehn bekannte Bücher wurden bereits über sie geschrieben – sicher werden noch einige folgen. Angela Merkel ist Deutschlands Powerfrau Nummer eins.

Wie schafft sie es, dass ihr die Menschen trotz vieler Kritik und Zweifel immer wieder das Vertrauen schenken? Frauen werden besonders in der Krise wichtig. Mit diesem Argument wird oft an die Trümmerfrauen erinnert, die das Land nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufbauten. Ist es also die Europakrise, die dazu führt, dass sich viele Menschen instinktiv der Hoffnung hingeben, dass eine Frau das Land gut durch die schwierige Zeit manövriert? Diese Vermutung liegt  auch in Italien nahe. Sieben Frauen hat Premier Enrico Letta in sein Kabinett geholt, mit dem er das Land aus der Krise führen möchte.

Man kann natürlich nicht ausblenden, dass sie eine Frau ist. Aber sicher hat Angela Merkel neben ihrem Geschlecht noch andere Eigenschaften, die ihr geholfen haben, dort hinzukommen, wo sie heute ist – an die Spitze des einwohnerstärksten europäischen Landes. Ein schier unerschöpfliches Energiereservoir gehört dazu, könnte man vermuten. Ganz unerschöpflich ist es zwar nicht, verrät sie im Interview mit dem Magazin Brigitte. Aber sie verfüge über kamelartige Eigenschaften, mit einer gewissen Speicherkapazität. Irgendwann müsse sie allerdings auch wieder auftanken. Ausstrahlung ist sicher ein weiterer, nicht zu unterschätzender Aspekt. Bill Clinton lobt sie als charismatische Politikerin mit Alltagsvernunft, die möglicherweise seiner Frau Hillary und einer ganzen Reihe von zukünftigen weiblichen Staatsoberhäuptern den Weg ebnet.

Andere Stimmen wiederum sind der Meinung, Merkels Politik sei schlecht für die Frauen, vor allem in Südeuropa. Die starken Einschnitte im öffentlichen Sektor würden vor allem Frauen in eine prekäre Situation bringen, da diese verstärkt in diesem Bereich arbeiten. Auch dass sie keine Befürworterin der Quote ist, wird angeprangert. Aber muss sie denn Politik für Frauen machen, nur weil sie eine Frau ist? Sie selbst glaubt auch nicht, dass Männer es leichter haben. Und versucht dementsprechend womöglich eine Politik zu machen, die sie als die beste Lösung für alle hält. Dafür nimmt sie sich Zeit zum Denken, was für sie gleichdeutend ist, mit Zeiten des Schweigens. „Denken beim Reden ist nicht so einfach. Man braucht das Schweigen, um klug reden zu können.“

Viele werfen ihr Machtgier als einziges politisches Programm vor. Aber sie lässt sich – zumindest in der Öffentlichkeit – von solchen Vorwürfen nichts anhaben. Unbeirrt geht Angela Merkel ihren Weg, was sicher einen Großteil ihres Erfolges ausmacht. Eine Eigenschaft, die nicht alle besitzen.

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