Führen in Teilzeit – Utopie?

Der Chef muss immer und zu jeder Zeit verfügbar sein. Das glauben nicht nur die Mitarbeiter, sondern allen voran auch die Chefs selbst. Und die Chefs der Chefs. Deshalb scheint es in den meisten Unternehmen nahezu unmöglich, eine Führungsposition mit reduzierter Wochenstundenzahl auszuüben.

Karriere und trotzdem viel Zeit für Familie – das ist für viele eine Traumvorstellung. Im Job aufzusteigen erfordert jedoch viel Kraft und Zeit, egal ob man angestellt oder selbständig arbeiten möchte. Da verlagert sich die Work-Life-Balance allzu oft in Richtung Job. Vor allem aber wenn Kinder unterwegs sind, möchten viele junge Mütter dieses Verhältnis wieder ausgleichen, etwa durch eine Teilzeitstelle. Das lässt sich jedoch meist nicht mit der angestrebten Führungsaufgabe vereinbaren. Denn wer nicht ständig im Büro präsent ist, wird abgehangen. Häufig hört man von der Teilzeitfalle, in die Frauen geraten, wenn sie aus der Elternzeit zurückkehren. Eigentlich möchte man dann die eigene Karriere, die vor der Auszeit so gut angelaufen ist, wieder ankurbeln. Aber 60 Stunden jede Woche im Büro zu verbringen, kommt einfach nicht mehr in Frage. Da wichtige Aufgaben allerdings nicht in der halben Zeit zu erledigen sind, ist Teilzeit oft gleichzusetzen mit Abstellgleis.

Aber eigentlich muss das nicht so sein. Dass Führen in Teilzeit funktionieren kann, sieht man am Beispiel der IT-Managerin Claudia Puchta. Sie leitet eine Abteilung mit 50 Mitarbeitern bei der Softwarefirma DATEV und das in 30 Arbeitsstunden pro Woche – davon 2 Tage von zu Hause aus. Ihr Geheimnis: Aufgaben genau priorisieren. Wenn man weniger Zeit hat, ist es wichtiger, richtig abzuwägen, was sofort erledigt werden muss und was liegenbleiben kann. Insgesamt arbeiten bei DATEV 21 Führungskräfte in Teilzeit, darunter 5 Männer. Verantwortungsvolle Positionen mit reduzierter Arbeitszeit auszuüben, ist also keine Utopie sondern bereits Realität. Nur leider noch sehr selten.

In anderen Ländern ist Arbeit in Teilzeit bereits sehr viel verbreiteter – auch in den Führungsetagen. Dies zeigt eine Studie des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. In Deutschland arbeiten zwar relativ viele Menschen in Teilzeit, die keine Führungsposition innehaben – Stichwort Teilzeitfalle -, allerdings sehr wenig Managerinnen und Manager. Nur in Griechenland ist das Verhältnis noch schlechter. Spitzenreiter in puncto flexible Arbeitszeitgestaltung sind die Niederlande – hier sind immerhin 12 Prozent aller Führungskräfte weniger als die üblichen 40 Stunden in der Woche verfügbar. Als Gründe dafür, dass Leitungsfunktion und Teilzeit offenbar nicht zusammen passen, werden der höhere Koordinierungsaufwand und die damit verbundenen Kosten genannt. Wenn Meetings nur noch zwischen 9 und 13 Uhr stattfinden können, weil die Chefin sonst nicht im Haus ist, bedeutet das Einschränkungen. Probleme, die am Nachmittag auftreten, können erst am nächsten Tag mit dem Vorgesetzten diskutiert werden. Das ist jedoch nicht unlösbar.

Dass flexiblere Arbeitszeitmodelle her müssen, um unserer modernen Gesellschaft – in der Frauen wie Männer Karriere machen und Familie haben möchten – gerecht zu werden, ist eigentlich allen klar und wird immer wieder als die Lösung genannt, um jungen Familien eine Dual-Career-Partnerschaft zu ermöglich. An der Umsetzung jedoch scheitern die meisten Unternehmen aufgrund der uneingeschränkten Verfügbarkeitserwartung an ihre Mitarbeiter.

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