Lieber Chefin von daheim als Teilzeit

Wenn berufstätige Frauen Familie gründen, möchten sie logischerweise mehr Zeit für ihre Kinder haben – Zeit, die beim Job fehlt. Dieser Zwiespalt führt bei vielen gut ausgebildeten Frauen entweder zu der Entscheidung, ganz auf Kinder zu verzichten oder in Teilzeit zu arbeiten. Letzteres ist die Karrierefalle Nummer eins, sagt unter anderem Top-Headhunter Heiner Thorborg.

Dabei sollte es eigentlich kein Problem sein, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Führungskräfte – egal ob mit oder ohne Kinder – sind sowieso selten präsent. Meistens befinden sie sich auf einem Meeting oder im Flieger, auf dem Weg zur nächsten Geschäftsreise. Und mit jeder Stufe auf der Karriereleiter wird es schwieriger, alle Bereiche, die man verantwortet, ständig zu überblicken und überall vor Ort zu sein. Dank Blackberry und Laptop können die meisten Aufgaben ja auch von überall erledigt werden – warum also nicht auch von zu hause?

Die Anwesenheit, oder besser gesagt die Abwesenheit ist also nicht das Problem, sagt Ursula Nicola-Hesse vom Audit Beruf und Familie. Denn viele Spitzenkräfte erbringen ihre Arbeitsleistung nicht vorrangig im Büro. Gute Führungskräfte benutzen verschiedene Instrumente, damit die Arbeit auch während ihrer Abwesenheit gut funktioniert: sie delegieren Aufgaben an verlässliche Personen, sie legen Ziele fest, ihre Mitarbeiter kennen ihren Rahmen für selbständige Entscheidungen und sie haben klare Kommunikationsrichtlinien festgelegt, damit Informationen schnelle ihren Weg finden. Und das wichtigste: Selbstmanagement. Wer Aufgaben priorisieren kann und diese strukturiert über den Tag verteilt, kann sich Zwischenräume schaffen. Warum sollen diese nicht auch für Familie genutzt werden.

Frauen entschließen sich stattdessen zur Teilzeitarbeit – möglicherweise auch aus schlechtem Gewissen gegenüber den Kollegen und gegenüber der Familie. Teilzeit bedeutet allerdings häufig, aufs Abstellgleis zu geraten. Warum nicht also lieber die gerade erreichte Führungsposition mit dem nötigen Selbstbewusstsein von zu Hause ausüben. Denn wenn nicht die Präsenz am Arbeitsplatz das Problem ist, ist es vermutlich die Akzeptanz gegenüber solchen Modellen. Und die kann nur dadurch positiv beeinflusst werden, indem es jemand vorlebt.

Die Frauen stehen sich aber nicht nur durch zu lange Babypausen selbst im Weg, weiß Heiner Thorborg zu berichten. Sie legen sich auch gegenseitig Steine in den Weg, indem sie sich nicht die Hände reichen, um die steile Karriereleiter zu erklimmen. Mit der Einstellung, wenn ich es allein schaffen musste, sollen es andere Frauen auch selbst schaffen, wird das Ziel, mehr Frauen in Top-Positionen zu bringen, schwer zu erreichen sein. Da haben uns die Männer einiges voraus.

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