Die Wut der weißen Männer

„A black women stole my job“ lautete vor vielen Jahren der Titel einer Oprah Winfrey Show, in der weiße Männer ihre Empörung darüber zum Ausdruck brachten, dass eine schwarze Mitbewerberin die Stelle erhielt, auf die sie sich beworben hatten. Der New Yorker Soziologe Michael Kimmel war ebenfalls Gast dieser Sendung und fragte die Betroffenen, wie sie zu der Annahme gelangten, es sei ihr Job gewesen. Eine befriedigende Antwort schient er nicht erhalten zu haben.

In seinem Buch „Angry White Men“, das er vergangenen Dienstag in Berlin vorstellte, geht Michael Kimmel also der Frage auf den Grund, woher die Wut der (weißen) Männer kommt. Zu Beginn seines Vortrages in der Berliner Friedrich-Ebert-Stiftung berichtet er erneut von seiner Erfahrung in der besagten Talk Show und wirft die Frage in den Raum, warum der Titel nicht „A Black woman got the job“ lautete. Das Wort „mein“ impliziert, dass die Herren den Job entweder schon hatten oder ein Recht darauf haben, ihn zu bekommen. Beides ist natürlich nicht der Fall. Und es lässt auch vermuten, dass die „Bestohlenen“ der Frau nicht zutrauen, gleichermaßen für die Stelle qualifiziert zu sein. Welche Seite wird nun tatsächlich diskriminiert?

Die Männer fühlen sich ungerecht behandelt und sind verärgert darüber. Oder wütend. Zu recht, wenn ihnen tatsächlich Ungerechtigkeit widerfahren ist. Aber in vielen Fällen ist es nur die Angst vor einer drohenden Ungerechtigkeit. Davor dass die Gleichstellung der Geschlechter keine Gleichstellung sondern eine Bevorzugung der Frau sein werden könnte. Denn dass Frauen heutzutage studieren, Karriere in großen Unternehmen machen oder ihre eigenen Firmen gründen und in vielen Fällen genauso gut oder besser für einen bestimmten Job geeignet sind, ist ja noch keine Ungerechtigkeit an sich.

Was passiert, wenn man den Männern ihre Männlichkeit raubt?

Kimmel erklärt das Wutgefühl mit dem Verlust von Männlichkeit. Die Männer haben das Gefühl in einer feminisierten Gesellschaft zu leben, in der ihnen ihr größtes Gut – die Maskulinität – entrissen wird und jemandem gegeben wird, der es nicht verdient. Dazu gehören dem Soziologieprofessor zufolge nicht nur die Frauen. Die Wut richtet sich auch gegen Einwanderer und Schwule und nimmt rassistische Ausmaße an. Um ihre Männlichkeit zurück zu erobern bilden sich in den USA – und auch in der restlichen westlichen Welt – immer mehr Männerorganisationen, die das Bild des Benachteiligungsszenarios ausschmücken und damit die Wut ihrer Geschlechtsgenossen schüren.

Dabei ist der Gleichstellungsprozess etwas, das beiden Geschlechtern zugute kommt. Die Frage ist also, wie die Herren in diese Entwicklung einbezogen werden können – und zwar so, dass sie sich wohlfühlen und erkennen, dass es auch zu ihrem Vorteil ist. Denn wenn sich die Frauen am Einkommen beteiligen, haben die Männer mehr Zeit für die Familie und können sich um ihre Gesundheit kümmern. So funktioniert Gleichberechtigung in beide Richtungen.

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