Fachkräftemangel – Karrierechance für qualifizierte Frauen?

In Deutschland herrscht Fachkräftemangel, das hört man schon seit vielen Jahren. Es fehlen Ärzte und Pflegepersonal, aber vor allem auch Ingenieure, die den Wohlstand des Landes sichern können. Da gerade unter den Ingenieuren der Anteil an Frauen besonders gering ist, scheint die stärkere Rekrutierung von weiblichen Ingenieuren eine Rettung zu sein.

Wie immer, wenn es eine Krise gibt, denkt man an die Frauen. Frauen sollen stärker für die Mangelfächer – die sogenannten MINT-Fächer – gewonnen werden. Frauen sollen aus der Teilzeit geholt werden, durch bessere Betreuungsstrukturen für die Kinder. Alles, um dem bedrohlichen Fachkräftemangel entgegenzuwirken, der über Deutschland schwebt. Das klingt erstmal nach einer guten Idee, nach einer großen Chance sogar. Dass die deutsche Wirtschaft von Technik und Ingenieurskunst lebt, wissen wir alle. Aber sind wir wirklich von einem schweren Mangel an qualifizierten Arbeitskräften bedroht, der uns in die Armut treiben wird.

Nein, sagen Kritiker der Fachkräftemangel-Mär. Der Film „Das Märchen vom Fachkräftemangel“ von Ulrike Bremer erklärt warum. Aktuellen Studien zufolge fehlen nach wie vor etwa 70.000 Ingenieurinnen und Ingenieure– Tendenz steigend. Diese Zahl ergibt sich allerdings aus einer wagen Hochrechnung, denn nicht alle offenen Stellen werden bei der Arbeitsagentur gemeldet, also muss geschätzt werden. Was außerdem nicht jeder weiß: von einem Mangel an Bewerbern wird schon gesprochen, wenn es „nur“ 3 Interessenten für eine Stelle gibt. Dieser Mangel beschert dem Mittelstand angeblich Umsatzeinbußen im Milliardenbereich. Trotzdem boomt die deutsche Wirtschaft wie kaum eine andere. Warum sollten wir also einer Gefahr ausgesetzt sein. Offensichtlich handelt es sich hier um eine Art präventive Angst, es könnte irgendwann zu einem Mangel kommen.

Da es also objektiv gar keinen Fachkräftemangel gibt – glaubt man den aktuellen Medienberichten – stellt dieser also auch keine Chance für Frauen dar, in qualifiziertere Jobs, höhere Positionen und zu einem besseren Gehalt zu gelangen. Im Gegenteil: je größer die Panikmache, umso mehr junge Leute entschließen sich, den Weg des Ingenieurs oder Naturwissenschaftlers zu gehen, mit der Aussicht auf den sicheren Job und das üppige Gehalt. Die Enttäuschung könnte gerade in puncto Gehalt groß sein. Die Schwelle, mit der eine ausländische Fachkraft in Deutschland dauerhaft eingestellt werden darf, wurde auf 32.000 Euro gesenkt.

Dass die Gehälter durch den angeblichen Fachkräftemangel gedrückt werden, könnte allerdings tatsächlich den Anteil berufstätiger Ingenieurinnen steigern. Dass „schlechtere Arbeitsbedingungen“ – also viel Arbeit für verhältnismäßig wenig Geld – in einer Branche dazu führen, dass dort mittelfristig mehr Frauen zu finden sind, sieht man an den Ärzten und Journalisten. Was zuerst da ist – mehr Frauen, die weniger fordern, oder weniger Gehalt, was die Männer fernhält – ist schwer zu sagen. Fakt ist, das Frauen bereit sind, für weniger Geld zu arbeiten. Und auch wenn aufgrund fehlender Fachkräfte, tatsächlich mehr Frauen in den Vollzeitjob finden, wird es ihre Repräsentanz in den Führungsetagen kaum beeinflussen. Auch das sieht man an den Ärzten und Journalisten.

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