Die Powerfrauenfalle: Wie starke Frauen auch mal schwach sein können

Vivian Dittmar ist Autorin des Buches Beziehung kann man lernenDie Buchautorin Vivian Dittmar beschreibt in ihrem Beitrag die Powerfrauenfalle, die sie aus eigener Erfahrung nur zu gut kennt, und skizziert Wege aus dem selbst konstruierten Käfig in eine Weiblichkeit, die stark und zugleich weich, selbstbestimmt und gerade deshalb kooperationsfähig ist.

Die Powerfrauen von heute sind überlebensgroße Gestalten. Scheinbar mit links regeln sie Kind, Beziehung und Karriere, während sie mit der rechten noch lässig das perfekte Styling im Griff haben — das zumindest ist der Mythos Powerfrau, wie er von Medien, einschlägigen Büchern und nicht zuletzt von Frauen selbst skizziert wird.

Tatsächlich zahlen Frauen einen hohen Preis, wenn sie der eigenen Propaganda auf den Leim gehen. Auf der Strecke bleiben eben jene Wesenszüge, die auch Männern regelmäßig abhanden kommen, wenn sie krampfhaft versuchen, dem Bild des „starken Geschlechts” gerecht zu werden: zum Beispiel Verletzlichkeit, der Kontakt mit den eigenen Kapazitätsgrenzen oder ein liebevoller Umgang mit den eigenen Schwächen.

Das neue starke Geschlecht

„Powerfrau“ – das ist ein starker Begriff. In seiner Mehrdeutigkeit — Power bedeutet sowohl Kraft, Macht als auch Energie — ist er die ultimative Absage an das alte Frauenbild des „schwachen Geschlechts”. Powerfrauen sind stark, voller Energie und, ja, das verleiht ihnen auch eine gewisse Macht, die Frauen früher nicht gestattet war.

Das ist super, denn die endlich entfesselte Kraft der Weiblichkeit, die wir Powerfrauen verkörpern, hat es uns möglich gemacht, uns von alten Rollenbildern gründlich zu verabschieden und Lebensentwürfe zu verwirklichen, von denen unsere Vorfahrinnen nur träumen konnten. Wir müssen uns nichts mehr gefallen lassen, beruflich wie privat, von Männern wie von Frauen. Zuweilen scheint es, dass wir die Drehbuchautorinnen, Produzentinnen, Regisseurinnen und Hauptdarstellerinnen unseres Blockbusters sind. Entsprechend vergeben wir auch die Rollen und haben bei der Handlungsgestaltung das letzte Wort. Eigentlich eine ideale Situation, oder?

Die Schattenseite der Macht

Was auf den ersten Blick sehr verlockend wirkt, hat eine entscheidende Kehrseite: Wer immer alles im Griff hat, alles immer alleine regeln kann und sich selbst darüber definiert, niemanden mehr zu brauchen, entwirft ein überlebensgroßes Bild von sich, das auf Dauer sehr anstrengend wird. Das gilt natürlich für Männer wie für Frauen.

Auch wenn die genaue Ausprägung des Powerfrauenmythos sich von den klassischen männlichen Heldenmythen unterscheidet, so wird bei genauerem Hinsehen doch deutlich, dass Powerfrauen tatsächlich moderne Heldengestalten sind. Und wie das mit HeldInnen eben so ist, machen sie sich ganz ausgezeichnet in klassischen Tragödien, packenden Fantasy-Romanen oder modernen Hollywoodschinken, nicht so gut jedoch im echten Leben. Echte Menschen bleiben immer hinter den Erwartungen ihrer fiktiven Vorbilder zurück.

Echte Menschen haben gute und schlechte Tage. Sie haben Talente und Schwächen. Und sie haben Bedürfnisse, die oft gar nicht in das Bild einer Superheldin passen. Sie wollen nicht alles können und verstehen müssen, sie haben Kapazitätsgrenzen. Und sie wünschen sich auch mal, dass jemand anders das Ruder in die Hand nimmt, die Kinderbetreuung organisiert oder eine wichtige Entscheidung trifft. Mit anderen Worten: Echte Menschen wollen auch mal schwach sein dürfen, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht. Das gilt auch für Powerfrauen.

Die Powerfrauenfalle

Leider ist das leichter gesagt als getan. Viele Powerfrauen wünschen sich zwar all das, sind sich jedoch nicht darüber im Klaren, dass genau ihr Powerstatus dies verhindert. Solange wir an dem eigenen Mythos festhalten, senden wir unserer Umgebung ständig das Signal: „Danke, ich komme alleine klar! Ist vielleicht ein bisschen stressig gerade, aber ich habe alles im Griff, schließlich bin ich eine Powerfrau! Bedürftigkeit? Nein, danke, damit habe ich nichts zu tun”. Und genau so reagiert unser Umfeld dann auch. Bestenfalls bekommen wir gut gemeinte Bewunderung und Anerkennung nach dem Motto: „Wie du das nur immer alles hinkriegst!” Wir sitzen in der Powerfrauenfalle.

Powerfrauen und Beziehungskatastrophen

Viele Powerfrauen verbringen lange Jahre in einem unheilvollen Wechselbad der Gefühle. Während sie nach Außen den überlebensgroßen Mythos perfekt verkörpern, führen ihre zarten, bedürftigen und — ja, genau — schwachen Anteile in ihrem Unbewussten ein Schattendasein. Von dort machen sie sich auf zuweilen sehr unangenehme Weise bemerkbar. So finden sich viele Powerfrauen mit schöner Regelmäßigkeit in ziemlich unglücklichen Beziehungskonstellationen wieder, aus denen sie sich nur mit größter Anstrengung befreien können. Ihr bedürftiger Teil, sonst gut verborgen, findet offenbar höchsten Gefallen an absolut ungeeigneten Partnern. Manche Powerfrauen verzichten aus diesem Grund nach ein paar Versuchen sogar komplett auf eine Partnerschaft. Doch was steckt hinter der seltsamen Partnerwahl mancher Powerfrauen?

Powerfrau trifft Supermacho

Auf den ersten Blick scheint es absurd: warum haben so viele starke Frauen einen heimlichen Hang zu Machos? Warum suchen sich diese tollen Frauen nicht den reifen Partner, der angeblich ihr echtes Gegenstück wäre? Ganz einfach: weil der Macho tatsächlich der perfekte Gegenspieler der Powerfrau ist. Auch er lebt in seinem ganz eigenen Heldenmythos und hält seine zarten, verletzlichen Anteile unter Verschluss. Genau wie die Stärke der Powerfrau ist auch seine Stärke unvollkommen, da sie wichtige Anteile seiner Persönlichkeit ausblendet. So unangenehm es auch sein mag: der Macho ist das männliche Spiegelbild der Powerfrau.

Seine Pseudostärke vermag alle Sehnsüchte nach Geborgenheit, Gehaltensein, Kleinsein und Unterstützung in der Powerfrau wachzurufen, so dass sie sich binnen kürzester Zeit selbst nicht mehr erkennt. Ihm geht es übrigens genauso: Auch er könnte sich das Leben deutlich leichter machen, wenn er sich ein süßes Mädchen angeln würde, das ihn nur anhimmelt. Doch auch auf ihn übt die Stärke der Powerfrau eine geradezu magische Anziehung aus.

Zurück ins Leben

Um der Powerfrauenfalle zu entkommen, müssen wir es schaffen, uns dem Bann des Mythos zu entziehen. Wir müssen von unserem selbst errichteten Podest heruntersteigen und Abschied nehmen von unserem unrealistischen Selbstbild. Erst wenn wir bereit sind, unsere eigene authentische Schwäche, Bedürftigkeit und Fehlbarkeit liebevoll zu umarmen, wird unser Umfeld anders auf uns reagieren. Erst dann werden Partner in unserem Leben auftauchen, die ihre eigenen Schwächen kennen und daher wissen, dass wir auch mal Unterstützung brauchen.

Das bedeutet übrigens nicht, dass wir wieder in das alte Schema des schwachen Geschlechts zurückfallen. Im Gegenteil: Nur wenn es uns gelingt, mit der befreiten Stärke unserer Powerfrau in Kontakt zu bleiben, während wir uns mit unseren Schwächen und Sehnsüchten vertraut machen, können wir uns aus der Falle befreien.

Vivian Dittmar ist Referentin, Seminarleiterin und Autorin. Sie engagiert sich seit Langem für eine ganzheitliche Entwicklung von Mensch, Gesellschaft, Wirtschaft und Bewusstsein. Sie ist Autorin der Bestseller „Gefühle & Emotionen – eine Gebrauchsanweisung“ sowie „Kleine Gefühlskunde für Eltern: Wie Kinder emotionale und soziale Kompetenz entwickeln“. Als Beraterin, u.a. für das Terra Institute, begleitet sie Unternehmer und Führungskräfte in Wandlungsprozessen hin zu einer emotional, sozial kompetenten Kultur. Um Impulse für einen kulturellen und gesellschaftlichen Wandel zu geben, hat sie zudem die Be the Change-Stiftung gegründet. Neben ihrem beruflichen und gesellschaftlichen Engagement ist sie  Mutter von zwei Söhnen.

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2 Comments
  1. DANKE Vivian, ich bin sehr berührt von deinem Artikel und werd ihn gleich mal an unsere Community weiterleiten :o) und ihn mir durch und durch gehen lassen und weiter üben nicht zurückzufallen und doch auch meine Sehnsüchte, Schwächen und Bedürfnisse zu leben.
    Eine kraftvolle weiche offene Frau möcht ich sein.
    Herzensgrüße
    Shesaya Sandra

  2. Ja, Vivian,
    ein egozentrischer Weg zum Erfolg steckt voller Fallstricke, wenn wir ihn nicht achtsam und bewusst gehen.

    Ich kann bestätigen, was Du schreibst, habe selbst unterschiedliche Beziehungsversuche hinter mir.

    Als jemand der seit über dreißig Jahren gewohnt ist, vorne zu stehen und Gruppen zu lenken, wirke ich wie ein Macho–Powertyp und habe eben solche femininen Pendants angezogen.

    In den meisten Fällen erlebte ich meine Partnerin hart und verkrampft. Gerade in der Intimität war eine Starre körperlich, innerlich spürbar. Sie wirkte wie eine Wand, ein letzter Schutzwall, um Verletzlichkeit zu verbergen – oder Verletzungen zu vermeiden. Damals war ich noch nicht so weit, diesen Schutzmechanismus mit Liebe aufzuweichen.

    In meiner letzten Beziehung habe ich dann meine Lernaufgabe an einem anderen Punkt erlebt. Meine ebenso starke, wie schillernde Partnerin wirkt im Nachhinein so auf mich, als habe sie ihr Image auch mir gegenüber viel zu lange aufrecht erhalten. Sie versuchte immer noch stark und schillernd zu sein, als ihre Gefühle längst in einer anderen Richtung unterwegs waren – Angst- oder Erschöpfungs-Zustände wirkten.

    Mich macht es immer noch sehr traurig, wenn ich an diese tiefe Liebesbeziehung denke, in der sich zwei Menschen wirklich tief verbunden hatten – um dann doch an dieser Hürde zu scheitern.

    In beiden beschriebenen Fällen hätten wir mehr Flexibilität gebraucht und Mut, uns so zu zeigen, wir in dem Moment fühlen.

    Und genau das ist es, was ich als Mann fürchte: Nicht mehr ernst oder für voll genommen zu werden, wenn ich in tiefer Liebe und Intimität meine Gefühle zeige – etwa Tränen der Rührung (auch in der Sexualität).

    Danke für den Beitrag, Vivian, und das Lesen und Mitfühlen aller anderen Lesenden hier.

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